Hohe und ausgezeichnete Gegenstände fallen natürlich zuerst und vorzüglich in die Augen; dieß ist nun in der Gegend um Schneeberg mit dem hohen, von zwei alten, großen Tannen ausgezeichneten Kleesberg auch der Fall. Daher wollen wir ihn ersteigen und uns an der weiten vortrefflichen Aussicht laben. Du aber, der du kein Gebirger und also das Bergsteigen nicht gewohnt bist, sprich deinen Füssen Muth ein und verwahre dich mit einem langen und zollstarken Geduldsfaden; denn du wirst das Steigen ziemlich beschwerlich finden! –

Der nächste Weg von der Stadt aus führt den Bathsemberg hinab; es ist dieses der zwischen Morgen und Mittag liegende Theil des Schneeberges, an dessen Fuße eine Mühle, Bathsem-Mühle genannt, liegt, wovon der Berg diesen Namen erhielt. Zur Rechten des Weges hinab zieht sich ein hoher lebendiger Zaun, welcher zum Theil einen Grasgarten einschließt, worin man einige kleine Ruinen und einen verfallenen Thurm findet. Ueberhaupt hat man von hier eine sehr angenehme Aussicht in das vorliegende, enge Thal hinab, welches von einem Bache und einem Wege parallel durchschnitten wird; man sieht unter sich an der Seite des Berges hohe, klippenvolle Felsen, wo man von Angst und Schwindel überfallen wird, wenn man darauf steht und hinunter blickt. Gegenüber ragt der auf einer Seite mit Feldern, auf der andern mit Waldung bedeckte hohe Kleesberg auf, an dessen unterm Theile zwischen Bäumen versteckt ein Guth liegt, das Bergmeisterguth[47] genannt. Am obern Ausgange dieses Thales sieht man die letzten Häuser des Grundes, Neustädtel und das sogenannte Gebirge; an dem untern erblickt man einen Theil von Oberschlema und die darum liegenden waldigen und waldlosen Berge. In diesem Thale hatte ich das Glück, zum erstenmal den würdigen, verdienstvollen Herder aus Weimar anzutreffen, der durch den Tod nachher der Welt zu früh entrissen wurde.

Doch wir gehen nun wieder auf den Weg zurück und den Berg vollends hinab. Bei der Mühle kommen wir über den Bach und richten unsere Schritte auf den, am Ende des Waldes schräg ansteigenden Weg, welcher zu dem erwähnten Bergmeisterguthe führt. Buchen, Fichten und Kiefern in schöner Mischung, mit einzelnen bemooßten Felsenblöcken, vom Gesange der Vögel belebt, ergötzen zur Linken unser Auge; aber hinter uns wollen wir durchaus nicht sehen, bis wir uns auf der Spitze des Berges befinden. Und so sind wir jetzt an das Guth gekommen, welches wir aber rechts liegen und am Saume des Waldes auf dem grasigen Boden empor steigen. Hier sehen wir, so wie auch ein wenig weiter oben, einen Pfad durch den Wald, wo es sich äußerst angenehm wandelt; auch findet man hier am Saume der Waldung eine kühle Nische mit Rasensitzen, welche der Herr Bergcommissionsrath von Herder, als er sich noch als Bergassessor in Schneeberg befand, anlegen ließ, und Herders Ruhe genannt wird. Immer weiter steigen wir empor am Saume des Waldes und blicken hinein in das grüne Dunkel, wo hie und da graue Felsen, von Buchen grün umdüstert, aufragen. Jetzt zieht sich das Holz ein wenig quer vor und wird dünner; wir kommen hier an einen kleinen, schieferartigen Fels, an dessen Fuße eine kühle Quelle hervor rinnt, welches auf dieser Höhe des Berges sehr überrascht, denn wir haben schon eine schöne Strecke zurück gelegt. Neben uns, rechts auf der übrigen Seite des Gebirges dehnen sich Felder und Fluren herab, auf welchen der Schäfer mit seiner Heerde herumzieht.

Nun haben wir den Wald hinter uns und nicht mehr zur Seite, und vor uns sehen wir den übrigen, allmähliger aber noch weit genug ansteigenden Theil des Berges, auf dessen Spitze die zwei hohen Tannen aufragen. Der Boden ist nun nicht mehr gleich und begraßt, sondern mit kleinen Hügeln, Sträuchern und Gestrippen bedeckt, daß man dadurch gänzlich ermüdet wird, ehe man zum Ziele kommt. Die Waldung zieht sich unten in gerader Linie fort und vereinigt sich mit dem übrigen Forste, welcher dieses Gebirge auf der Morgenseite bedeckt. –

Jetzt endlich nach langem, ermüdenden Steigen sind wir oben; wir haben den kleinen Fels erreicht, unfern der beiden ernsten Tannen, wir ersteigen den Fels und sehen umher und hinab, und staunen und fühlen eine heilige Wollust, können keine Worte finden und spähen mit trunkenen Blicken umher. Welche Ueberraschung, welche Mischungen und Abwechselungen! – Schneeberg, wo wir uns erst so hoch dünkten und manche Aussichten hatten, liegt da unten vor unsern Füssen in einem Thale jetzt, rund und kesselförmig von Gebirgen eingeschlossen; silbern blitzen im Glanze der Abendsonne die Schieferdächer, kleiner ragen Thurm und Kirche über die Stadt und aus den Schornsteinen steigen hier und da weiße Rauchsäulen empor. Gärten schlingen sich um den Berg, Wege und Bäche durchschneiden sich und aus dem Grün der Bäume schimmern die rothen Dächer der Richterschen Gartengebäude daher. Ausgegossen zwischen Fluren und Aecker durch die Fläche des Thales liegt Neustädtel; Halden und Gebüsche bedecken einzeln die Gebirgsseiten und hinter dem Teiche dort, aus dem Eingange eines neuen Thales, blickt Lindenau daher. Waldige Berge erheben sich dahinter und bieten neue Aussichten, nach dem Voigtlande zu, dar. Sanft dehnt sich Griesbach herab mit seinen Fluren, Gärten und Teichen, und weiter unten flimmert der Spiegel des Herrnteiches;[48] höher herab dehnt sich der Keilberg mit Aeckern, Feldern und Wegen, und oben blinken durch die Lücken der Waldung ebenfalls mehrere Teiche herüber. Das Schießhaus mit seinen dichten Hopfengärten und der schattigen Lindenallee, das isolirte Gerichtswäldchen, die ganze mit Fluren bedeckte Fläche, die mit allerlei Wäldern und Felsen belebten Gebirge und kleine und größere Thäler stellen sich dem entzückten Auge auf die herrlichste Weise dar. – Mehr gegen Morgen sehen wir ganz Schlema durch das romantische Thal ausgebreitet, ein herrlicher Anblick! Dahinter stellen sich unsern Blicken alle die fernen Dörfer und Städte dar, welche man nur durch Hülfe eines Fernrohrs deutlicher erkennen kann. Und endlich gegen Morgen zu die unübersehbare Reihe theils kahler, theils waldiger, theils mit Häusern bedeckter Berge, die sich in den fernsten Horizont verlieren; vorzüglich nimmt sich das auf einer Berghöhe ausgegossene Bernsbach sehr schön aus, dahinter blickt im Nebelgrau der grabförmige Pöhlberg bei Annaberg majestätisch herüber. Man sieht Bockau und die ganze Gegend, dann näher vor sich Zschorlau und endlich gegen Mittag ragt über alle Gebirge hoch der Auersberg, welchen man überhaupt bei Schneeberg sehr gut wahrnehmen kann. Es läßt sich wahrhaftig nicht Alles mit der Feder aufzeichnen und schildern, was und wie man es sieht; man könnte wieder, so wie von den Aussichten auf dem Auersberge, ein besonderes Buch schreiben. Man sieht eine Strecke des Voigtlandes, einen großen Theil des Schönburgischen Landes und des übrigen obern Gebirges, nebst den böhmischen Gebirgen. –

Hier saß ich oft auf diesem Felsensitze, wenn die Sonne sank und durch einzelne schwarze Fichten mit dem Golde ihrer Strahlen mich scheidend beleuchtete, wenn der Abendglocken Feierschall aus den Thälern empor schwebte und Hesperus am Azur funkelte, – hier saß ich oft einsam und starrte mit trunkenen Blicken umher, hatte so viel zu hoffen und noch mehr zu wünschen; doch die Zeit lößte, was so fest gebunden schien, – die Ewigkeit der Menschen währt kaum Jahre lang. –

Aber es ist nicht genug, der entzückenden Aussicht zu erwähnen, welche man auf dem Kleesberge hat; auch den Berg selbst wollen wir untersuchen und es wird uns nicht an Ueberraschung und Genuß mangeln.

Gegen Schneeberg hin bildet sich weiter unten ein freier, von Wald auf drei Seiten umgebener, Platz, welchen kleine Gesträuche bedecken und wo sich eine alte, weitästige Buche erhebt, in deren Rinde mehrere Namens-Buchstaben eingeschnitten sind. Es ist sehr angenehm hier und vorzüglich in dem Dunkel des Tannenwaldes, welcher sich gegen Morgen zu schräg am Gebirge hinab dehnt; hier fand ich mehrere von Steinen zusammen gebaute Sitze, mit Moose bedeckt, vermuthlich Asyle geheimer Liebe.

Hinter den zwei Tannen auf dem Scheitel des Berges, wo es jäh hinab geht, sieht man mehrere große, von Gebüschen beschattete Felsen, davon einer vorzüglich der Pandurenfels genannt wird. Im siebenjährigen Kriege nämlich lagen hier eine Zeit lang Panduren, welche die Stadt beängstigten. Auch erzählt der gemeine Mann, daß es in dieser Gegend, hauptsächlich bei den zwei Tannen nicht richtig wäre, daß man in der Mitternachtsstunde bisweilen ein Feuer habe brennen sehen, daß ein großer Schatz daselbst vergraben liege, welchen ein fürchterlicher Unhold bewache u. d. g. m. In den ältern Zeiten sollen Personen auf diesem Berge abhanden gekommen seyn, vorzüglich erzählt man von einem gewissen Beuthner, daß derselbe eines Tages auf den Kleesberg spatzieren gegangen, aber nicht wieder gekommen sei; die ganze Gegend sei ausgekundschaftet und untersucht, und in den alten Schächten gegraben worden, dennoch sei keine Spur von ihm zu entdecken gewesen. Die Geschichte ist wahr, kann aber auch aus den natürlichsten Gründen erklärt werden; denn jetzt noch giebt es an dem Berge herum viele tiefe Löcher, deren Rand sehr locker ist: – wie bald konnte nicht zu jener Zeit der erwähnte Beuthner, welcher ein Bergmann war, an ein solches Loch gekommen, mit dem lockern Rande hinab gestürzt und so verschüttet worden seyn?! –