Empfindungen in den Ruinen der Eisenburg.
Jahre schwinden, ewig durch die Räume
Wandeln Sonnen ihre alte Bahn;
Einmal währen nur der Menschen Träume,
Einmal dauert nur des Lebens Wahn.
An der Schande grausen Mälern nagt der Zahn der Zeit,
Aus des Ruhmes Diamant blitzt nur Vergänglichkeit. –
Banger Ernst umdunkelt dieß Gemäuer,
Einst ein fester Sitz der Tapferkeit
Wilder, raubbegier'ger Ungeheuer, –
Jetzt die Beute der allmächtgen Zeit;
Eulen wimmern hier um Mitternacht ihr Schauerlied,
Sturmwind beugt die Distel, die aus der Ruine blüht.
Wildes Moos grünt an den öden Wänden,
Wo mit ihrem Haus die Schnecke schleicht;
Frech Gestripp verstrickt mit seinen Enden
Jene Treppe, die dem Fuße weicht;
Aus dem feuchten Schutte schlüpft der Molche Brut hervor,
Hagedorn blüht aus des Fensters lockern Sims empor.
Auf des Thurmes tief gespaltner Mauer
Dehnet sich ein junger Fichtenwald; –
Dieß war sie, die einst geträumte Dauer,
Dieß der Thurm, der unzerstörbar galt,
Dieß der Trotz der oft Belagerten und ihre Macht; –
Und nun steht zerborsten er, bemooßt und unbewacht!
Manche Beute ward einst hier vergeudet,
Manches Wandrers Haabe hier verzehrt;
Manche Jungfrau, manches Weib erbeutet
Und beim üpp'gen Mahle frech entehrt;
Ketten rasselten und Seufzer stöhnten im Verließ,
Rieden bellten, wenn zur Jagd ihr Herr ins Hifthorn stieß.
Und ein frommer Pfaff vergab die Sünden
Jährlich für ein wohl besorgtes Mahl;
Wußte selbst den Himmel nicht zu finden,
Dessen Gnade Andre er empfahl, –
Kannte seines Klosters Weine und Gebete nur,
Fühlte glücklich sich bei seiner mästenden Tonsur. –
Oder wandelte im Grün der Tanne
Eine Jungfrau einsam durch das Moos,
Seufzte glühend nach dem schönen Manne,
Dessen Bild entzückend sie umfloß: –
Und nun trat er plötzlich kosend aus dem Busch zu ihr,
Bat um Liebe, und – bald standen sie verschlungen hier. –
Aber jetzt herrscht um die grausen Trümmer
Dumpfes Schweigen, ew'ge Dämmerung;
Geister wandeln in des Mondes Schimmer, –
Schwerdt und Lanze zischt in wildem Schwung',
Rosse stampfen vor dem halb verfallnen Bogenthor:
Wer ist da? – »Der Tod und sein Gefolge!« schallt's empor.
Und es spornt der Tod herein den Rappen,
Seine Schwester fliegt voran, die Zeit;
Ihn bedienen tausend bleiche Knappen,
Ihre Zofe heißt Vergänglichkeit.
Moder rieche ich und Blut erblick' ich überall,
Särge folgen, krachend hör' ich der Trophäen Fall.