So durchstürmen ewig sie die Erde,
Schrecken und Entsetzen ihre Bahn;
Nichtseyn zuckt aus jeglicher Geberde,
Alles wird Ruin, was sie nur sah'n.
Was des Menschen Hand gebaut, ist endlich doch sein Grab,
Dann ist alle Kunst vergebens und er sinkt hinab! –
Lehre du, begraßtes Burggemäuer,
Dieses Lebens Unbeständigkeit!
Alles, sey es uns auch noch so theuer,
Alles morden dennoch Tod und Zeit! –
Hänge nie an dieser Erden Güter je dein Herz,
Tobe in der Freude nicht, verzage nicht im Schmerz! –
4.
Ueber Stein zur Prinzenhöhle.
Weiter oben durch Willbach findet man den Weg nach Stein. An den Feldern schließt sich ein großer, dichter Wald, meistentheils aus Buchen bestehend, an, welcher der Steinische Wald in dasiger Gegend genannt wird und im Rufe der Spuckerei bei dem gemeinen Mann sonst stand und zum Theil noch steht. Man findet aber auch weit und breit keinen solchen Buchenwald; so viel ausgewachsnes Tannen- und hartes Holz, von solcher Menge und Stärke, giebt es wohl in Sachsen wenig. Es ist sehr kühl in diesem Walde, aber an einigen Stellen wiederum sehr schauerlich und heimlich. Man trifft ganze kleine Himbeerwälder darin an, deren Früchte von einem besondern stärkenden Geschmacke sind. Uebrigens aber ist es einsam, und wenn zwei Menschen einander begegnen, erschrecken sie gewiß anfänglich vor einander. An einigen Stellen soll sich zu gewissen Zeiten eine weiße, verschleierte Frau sehen lassen, welche ein großes Buch trägt und beständig in dem dürren Laube am Boden wühlt. – Sonst gab es auch viel Wild in diesem großen, dicken Walde, besonders Schweine, die sich sehr gut von der zahllosen Menge der Buchennüsse nähren konnten; jetzt aber hat sich dieß ganze Wild an die Tafeln der Großen verhandelt. Der Weg ist bei trockenem Wetter sehr gut, hingegen wenn es geregnet hat, ist fast kein Fortkommen, da der Boden lehmigt ist; vorzüglich wenn es bergab geht, kömmt man sehr übel an.
Aber übrigens ist es ein interessanter Spatziergang. Wenn man, wo sich der Weg bergab zieht und zu beiden Seiten junge Buchengebüsche ihn beschatten, eine Strecke hinab gewandert ist, hat man plötzlich einen überraschenden Anblick. Links gegenüber nämlich dehnt sich ein großer, schwarzer Tannenwald herab, an welchem man, ohne irgend etwas anderes zu erblicken, den obern Theil eines mit Schiefer gedeckten Thurmes wahrnimmt; man staunt auf die Erscheinung, sieht aber, je tiefer man hinab wandert, den Thurm immer höher und nach und nach das Schloß Stein zauberisch hervor wachsen. Man beugt jetzt noch einige Schritte um einem großen Stein herum, stellt sich dann auf den hohen Rand des Weges und hat nun einen romantischen Anblick, den keine Feder zu schildern vermag. Sich gegenüber nämlich erblickt man den hohen, schwarzen Tannenforst, welcher sich weit durch das Thal hinab zieht und mit dem lichten Grün junger Buchen hier und da angenehm absticht; schräg rechts hin ragt das hohe Schloß mit seinen Gebäuden dicht an der daher fließenden Mulde auf und spiegelt mit seinen vielen Fenstern sich auf der ruhigen Fläche des Stromes, welcher durch die begraßte Ebene des Thales still in seinem Bette hinabwogt. Auf dem jenseitigen Ufer der Mulde zieht sich eine lange, hohe Lindenallee von dem Schlosse an hinab gegen das Ende des Thales, welches sich hinten in einem waldigen Halbrund zu endigen scheint und in sein Dunkel die silbern strahlende Mulde aufnimmt. Bei dem Schlosse macht die Mulde einen ziemlichen Bogen, denn auch das Thal bricht sich schnell von Süd-Ost nach West, also fast ein rechter Winkel, daher stelle man sich den angenehmen Anblick des verfallenen, auf Felsenspitzen gebauten Schlosses vor, welches sich gerade an diesem Winkel der Mulde erhebt, daß man von demselben aus auf der einen Seite den kommenden, auf der andern den fortgehenden Fluß vor Augen hat! –
Hinter dem Schlosse, zwischen den beiden herab sich ziehenden Gebirgsseiten sieht man hinten aus einem Buchenhaine auf der Höhe des Berges das Schloß Hartenstein sich freundlich erheben, so wie auch gegenüber das Städtchen gleiches Namens an einem flachen Gebirge zwischen Fluren herab breitet. Im Ganzen ein herrlicher, äußerst romantischer Anblick! Dieses hat man auch gefunden und die Gegend um das Schloß Stein ist oft gezeichnet und in Kupfer gestochen worden; aber man hat nicht jedesmal die schönste Ansicht gewählt. Auf dem Schlosse Hartenstein fand ich in einem Saale ein Oelgemählde, wo die ganze Gegend um Stein und zwar von der schönsten Ansicht trefflich und meisterhaft vorgestellt und ganz natürlich abgebildet war; nach diesem Gemählde müssen Landschaftsmahler die Gegend copiren, wenn sie ganz interessant sich ausnehmen soll.
Doch wir gehen nun den Berg vollends hinab und in das Thal. Hier sehen wir in der Nähe des Schlosses einige Häuser, nämlich auf dem diesseitigen Ufer der Mulde und indem wir nach der überbauten Brücke gehen, ruft man uns aus dem nahen Hause zu: »erst à Person zwei Pfennige Brückenzoll zu entrichten.« – Dieser Zoll kann nur denen überflüssig scheinen, welche das Wohlthätige einer Brücke nicht einzusehen vermögend sind.
Jetzt sind wir im Innern des Schlosses und zwar eigentlich noch vor dem Thore; aber die Seite, wo wir uns jetzt befinden, ist mit Ställen, Scheunen und Schuppen angebaut. Ueber dem Thore sieht man die starken Räder, über welche sonst die Ketten der Zugbrücke herab rollten; auch der Burggraben ist noch sichtbar, den wildes Gesträuch und Schutt füllt, unter welchen Nattern und Kröten nisten. Das übrige Aeußere des Schlosses ist ein Beweiß, daß es schon sehr alt sei; denn der Styl des Baues grenzt an das Gothische und aus den vielen und mannichfachen Fenstern erkennt man den kindischen Geschmack jener Zeiten, so wie man auch wahrnehmen kann, daß später manches dazu gebaut und verbessert worden sei. Aber der innere Hof des Schlosses erweckt Grauen und Furcht, wenn man um sich und über sich blickt, wie auf hochragenden Felsenspitzen man die Seitengebäude aufgeführt hat, welche dem augenblicklichen Einsturze drohen und mit Gestrippe und Sträuchern bewachsen sind. Vorzüglich der alte Thurm, welcher einst zur Warte gedient haben mag, füllt durch sein auffallendes Ansehen mit Schauergefühlen die Brust des Wanderers, der mit der nächsten Minute den Zusammensturz desselben fürchtet. Doch wie die Alten mauerten, können die Neuern, ungeachtet ihrer gerühmten Maurerei, nicht mauern; je länger es steht, desto fester wird es. – z. B. die Häuser hinter den Mönchen in Bautzen.
In diesem Hofe selbst herrscht ein zweifelhaftes Dunkel, die hohen Wände der Gebäude, welche sich in einem Viereck mit einander verbinden, sehen schwarz und wie verräuchert aus. Unten herum erblickt man viele Thüren und Pforten, und vorzüglich durch die, welche dem Thorwege gegenüber sind, gelangt man in mehrere verfallne Hallen und Gemächer, deren ehemaliger Zweck mir öfters unerklärbar war; z. B. das niedrige, von einigen Pfeilern unterstützte Gewölbe, in welchem sich ein nicht tiefes viereckiges Bassin befindet, in dessen Mitte ein rundes, tiefes Loch hinab geht, unter welchem man Wasser brausen hört. Sollte dieß vielleicht ehedem ein Bad gewesen seyn? – Aber man ließt nirgends, daß die alten Bewohner solcher Schlösser viel aufs Baden gehalten oder gar eigene Bäder angelegt hätten. –