Jetzt wohnt in dem vordern Theile des Schlosses ein Pachter oder vielmehr Verwalter; denn es ist eine ansehnliche Wirthschaft dabei. Fast die meisten Gemächer, Kammern und Böden sind nicht mehr zu bewohnen und zu gebrauchen; sie sind die Residenzen einheimischer Fledermäuse. Auch geht in der Gegend unter den gemeinen Leuten das Gerücht, daß es nicht geheuer im Schlosse sei, daß sich ein Mönch sehen lasse u. dergl.

Doch wir gehen jetzt hinter dem Schlosse durch Erlengebüsche auf einem schmalen Pfade fort, kommen über einen Graben und dann in das Thal, wo uns die Mulde entgegen fließt. In dieser Richtung sehen wir rechts den großen Steinischen Wald bis gegen das Ufer der Mulde sich herab dehnen; links auf der höhern Gebirgsseite aber zieht sich ein dünnes Gehölz fort, welches jedoch bald weiter hinten in einen großen Buchenwald sich verwandelt, in dessen Dunkel die Prinzenhöhle liegt. So verfolgen wir links unsern Pfad, welcher sich durch Wiesen schlängelt, daß uns die Mulde zur Rechten bleibt. Erst kommen wir bei einem Kalkofen, sodann weiter oben bei einer Mühle vorbei und hinter derselben nimmt uns das schattige Dunkel des Waldes auf. Hart an der Mulde windet sich oft unser Pfad dahin und das Thal wird jetzt so eng, daß nur eben die Mulde bequem hindurch fließen kann. Links zur Seite steigt das hohe, steile, mit Felsenblöcken bedeckte Gebirge auf, welches ein finstrer Buchenwald beschattet und sehr mühsam zu ersteigen ist. Man fühlt einen besondern Schauer, wenn man durch das waldige Dunkel über die bemooßten Felsentrümmer die steile Höhe hinan blickt und sich des jungen Prinzen erinnert, welcher einst, wo gewiß Alles noch wilder war, hieher und noch dazu hinauf in die Höhle geführt wurde. Doch wir sehen jetzt einen guten Weg im Zickzack an den Berg hinauf angelegt. Der vor mehrern Jahren verstorbene Fürst von Schönburg hat sich sehr rühmlich durch die Anlegung eines bequemen Wegs zur Prinzenhöhle um dieselbe verdient gemacht. Denn es würde äußerst mühsam und gefährlich seyn, wenn man über Felsen und Gestrippe den steilen Berg empor steigen sollte. Aber damit der Wanderer diesen Beschwerlichkeiten nicht ausgesetzt seyn möge, zieht sich ein bequemer Weg im Zickzack bis zur Höhle empor.

Der Eingang dieser Höhle ist ziemlich eine Mannslänge hoch und ungefähr zwei Ellen breit, aber je weiter man hinter kommt, desto enger und niedriger wird sie, daß man endlich nicht weiter kann.[51] Man sieht übrigens, daß sie nicht von Natur so entstanden, sondern durch Menschen weiter ausgebildet worden sei; es war vielleicht eine enge Schlucht vorher, welche irgend Jemand zu einem besondern Behufe erweitern und bequemer machen ließ. Sie geht eine ziemliche Strecke in den Fels hinein und am Eingange ist eine Tafel befestigt, worauf die Geschichte des Prinzenraubes geschrieben steht,[52] aber jetzt schwer zu lesen ist; auch das Schönburgische Wappen ist am Eingange angemahlt. Uebrigens aussen vor der Höhle ist es sehr angenehm und unterhaltend; angenehm durch die Gegend selbst, allerlei Holz umschattet den Fels der Höhle und nahe dabei rinnt eine labende Quelle herab, Vögel singen, und aus dem Thale herauf dringt das Rauschen der Mulde, so wie gegenüber das waldige Gebirge sich mit hervorragenden Felsen hinab zieht und durch das Dunkel der Tannen die Ruinen der Eisenburg hervor schimmern; – unterhaltend durch die unzähligen Namen, welche an den Fels um die Höhle gemahlt und in die Rinde der Bäume geschnitten sind. Aus den fernsten Gegenden findet man Viele. Hohe und Niedrige stehen hier ohne Rang neben einander und was das beste ist, Niemand hat besondere Gedanken oder Verschen darzu geschrieben, wie es oft mit dergleichen Merkwürdigkeiten[53] der Fall ist, wo mancher Mißbrauch mit dieser Art, sich zu verewigen, getrieben wird. –

Dieß, lieber Leser, war die Wanderung über Stein zur Prinzenhöhle; möchte sie dir so gefallen haben, wie ich es wünsche. Doch wenn wir wieder bis Stein zurück gekehrt sind, wollen wir einen kurzen Spatziergang nach dem Schlosse Hartenstein machen.

Man sieht zwar hinter dem Schlosse einen ziemlichen Fahrweg nach Hartenstein zu führen, aber dieser führt nicht auf das Schloß, sondern in das Städtchen. Durch die Wiesen am Schloßberge erblicken wir einen Pfad, diesen wollen wir auch betreten, denn er führt zum Ziele. Der Weg ist sehr angenehm, aber doppelt angenehmer und romantischer wird er, wenn man auf die Höhe gekommen ist und durch den dämmernden Buchenhain nach dem Schlosse zugeht. Mit ihren Aesten verweben sich die hohen Buchen und wirken ein magisches Dunkel; hier und da ragt ein Felsenblock hervor an einem Busche und rechts oben blinkt die weiße Mauer des Schlosses hinter den weißstämmigen Buchen herab. Links durch die Lücken einzelner Kiefern, welche am schroffen, felsigen Abhange des Berges ragen, sieht man die Stadt Hartenstein auf der breiten Fläche des Berges herab ausgebreitet, welches zusammen den interessantesten Anblick gewährt. So kommt man endlich auf diesem Pfade an den breiten Fahrweg, welcher sich von der Stadt auf den Berg und an das Schloß zieht.

Vor dem Thore des Schlosses ist eine starke, steinerne Brücke, welche über den breiten Graben führt, welcher jetzt aber ausgetrocknet, begraßt und mit allerlei Gebüschen bewachsen ist. Ueber das Schloß selbst kann ich wenig oder gar nichts sagen; es ist ziemlich groß, in gutem Zustande und wird ganz bewohnt. Aber daß man von allen Seiten die vortrefflichste Aussicht auf alle die schon erwähnten Gegenstände habe, läßt sich denken. Vorzüglich die Aussicht auf das Muldenthal, worin sich das Schloß Stein so mahlerisch zwischen den dunklen Waldungen erhebt, ist eine der schönsten. Auf der Seite gegen Morgen und Mittag zieht sich ein terrassenförmig angelegter, freundlicher Garten an dem Berge hinab und erhöht das Angenehme dieser Gegend und des Schlosses. Auf der Seite vor dem Thore sieht man noch einige schöne Häuser auf dem Rücken des ansteigenden Berges und alte Linden verbreiten ihren erquickenden Schatten. –

Nun richten wir unsern Weg wieder zurück nach Schneeberg, wo uns Alles noch einmal in die Augen fällt und uns mit den freudigsten Gefühlen erfüllt.


5.
Ueber Schnorrensguth und Auerhammerwerk nach Celle.

Wer sich einige Zeit in Schneeberg aufhält, wird gewiß auch von dem Schnorrensguthe hören, welches vorzüglich Sonntags von den Schneebergern häufig besucht wird. Wir wollen daher jetzt auch einen Spatziergang dahin machen.