Man geht von Schneeberg den sogenannten Stangenberg hinab; man nennt so den Weg, welcher an den Berg herab nach Schlema führt und unten zu beiden Seiten mit Stangen versehen ist, um sich fest zu halten.[54] Wenn man unten ist, geht man rechts den Fahrweg fort, welcher über eine Brücke führt und mit einem andern quer nach Schlema sich ziehenden vereinigt. Ueber diesen geht man gerade weg und auf den Pfad, welcher sich eine Strecke lang an einem lebendigen Zaune fortzieht. Man kommt sodann auf einen andern ebnen Weg, welcher sich oben um den Berg herum zieht; auf diesem geht man eine kleine Strecke weiter und betritt einen neuen, welcher nicht weit von dem Beuthnerischen Hause bergan an der Spitze des Waldes vorbei beugt und sodann ungehindert die übrige ziemliche Strecke weit nach dem Guthe führt.[55] – In dem Walde, dessen ich erwähnte, ist es sehr romantisch; Fichten, Tannen und Buchen in schöner Mischung wirken ein liebliches Dunkel, wo bemooßte Felsentrümmer zur Ruhe und zum Denken einladen, wo verstohlener Vögel leiser Gesang daher schwebt und aus dem Thale das Geräusch des Tages dringt. Wie oft habe ich hier auf den weich bemooßten Felsenruinen gesessen unter der alten Buche, welche ihre dicht belaubten Arme über mich breitete und unter ihrem Dämmergrün mich aufnahm! Wie oft in dieser glücklichen Einsamkeit sank der Friede des Himmels in das aufruhrvolle Herz, wie oft that hier vor meinem Geiste eine glückliche Zukunft sich auf und goß Entzücken in die jugendliche Brust! Doch die Jahre schwanden, der Traum zerrann. –
Wir befolgen jetzt den begonnenen Weg und haben auf der Höhe, nicht fern von dem Walde, den herrlichsten Anblick von dem oft erwähnten Schlema und der ganzen übrigen Gegend, welche man aus den vorigen Schilderungen noch kennen wird. Ich versichere im Voraus jeden Fremden, daß er hier einer Aussicht genießen wird, die über alle Beschreibung ist; diese Lage, diese Mannichfaltigkeit, dieser hohe Reitz, – – o! Ihr, die ihr des obern Erzgebirges spottet, kommt hierher und seht und fühlt, und – ihr ändert gewiß euer Urtheil. –
Hart an dem Wege weiter oben zieht sich nun eine Strecke weit ein Fichtenwald fort, bei dessen Ende der Weg merklich ansteigt. Wenn man endlich gegen und auf die Höhe gekommen ist, sieht man hinter einer Reihe hoher Linden das Schnorrensguth mit seinem großen Garten liegen und Felder und Aecker, von Waldung eingeschlossen, breiten sich um dasselbe aus. Dieses Guth gehört jetzt dem Herrn Lagerfactor Schnorr in Schneeberg, welcher es sehr verbessert, geschmackvoller verändert und ein ziemlich grosses Tanz- und Gesellschaftshaus daran gebaut hat, welches der Funkenburg in Leipzig fast ähnlich ist.
Das mehrste Vergnügen gewährt der große Garten, worin allerlei Lauben und Parthien angelegt sind, welche, da sie nicht das Ansehen des Gekünstelten haben, mehr interessiren, als manche gewöhnliche Spielereien in solchen Gärten.
Die äußere Gegend, vorzüglich gegen das Thal hinab, ist sehr schön; auf der flach sich herab senkenden Gebirgsseite, wo wir uns nämlich jetzt am Ende der Gartenmauer befinden, ist Alles größtentheils Feld und Acker. Aber uns gegenüber zieht sich ein hohes, waldiges Gebirge quer herab und so bildet sich unten ein Thal, in welches wir nun gehen wollen.
Der Weg senkt sich am Saume des Waldes links hinab. Unten müssen wir über Felsenblöcke klettern und über einen Bach setzen, dann sehen wir uns in einer ziemlich langen Thalwiese, welche auf beiden Seiten von dicker Waldung eingeschlossen ist. Es ist hier beständig sehr kühl und still, nur das monotonische Murmeln des Wiesenbachs, welchen Erlen- und Haselgebüsche umgrünen, giebt diesem Thale einiges Leben. So geht man eine Strecke fort, bis der Wald rechts sich plötzlich abbricht und einer Menge Aecker und Felder Platz macht, welche sich über eine hügelförmige Fläche bis herab an den Bach ausbreiten; links zieht sich immer höher der Forst fort und ganz oben sieht man hohe, alte Tannen stolz darüber ragen. An dem waldleeren Fuße dieses Gebirges liegt das herrschaftliche Gebäude des Auerhammers, welches freundlich herauf schimmert. Nach und nach werden mehrere Häuser dabei sichtbar, Rauchsäulen sieht man jetzt empor steigen, immer deutlicher und lauter wird das Getöse des Hammers und des Wassers. Weiter hinten sehen wir Gefilde, Häuser und Wald, dort liegt das Städtchen Aue. So kommen wir endlich nach und nach auf das Hammerwerk, welches am Fuße eines Gebirges hart an dem Schwarzwasser liegt. Dieses fließt aus einem finstern, waldigen Thale hervor, ist aber weit größer, als bei Johanngeorgenstadt, indem mehrere Bäche es verstärkt haben.
Die Gegend um Auerhammer hat mir recht sehr gefallen, vorzüglich der Wald und der Berg mit den bebuschten Felsen hinter dem Herrnhause und hier die herrliche Aussicht auf die lebhafte Thalebene. Es ist so friedlich, so ruhig hier, man findet ein Asyl gegen das Geräusche der übrigen Welt. An das Herrnhaus stößt ein großer Fischteich, auf dessen baumbepflanzten, breiten Grasufer man einen herrlichen Spatziergang hat. Ich habe hier sehr vergnügte, frohe Tage verlebt, unter Freunden die flüchtigen Freuden des Lebens sorglos genossen. – Klein war deine Hütte zwar, seliger E., und du selbst arm, aber unsere Freuden waren groß, und wir sehr reich, denn wir waren zufrieden! –
Von der Schullehrer-Wohnung aus führt ein kleiner Pfad hinauf an den Saum des Waldes, wo in einem schattigen Halbrund ein kleiner Tisch nebst einigen Bänken angebracht ist. Von hier aus hat man eine herrliche Aussicht über die ganze Thalgegend, so wie der Ort an und für sich sehr angenehm ist.
Jetzt gehen wir von Auerhammer durch das weite Thal hinunter nach Aue zu, welches der Länge nach vor uns ausgebreitet liegt und wo ein neues, großes Thal sich herab dehnt. Aue und Celle müssen dem Fremden als ein Ganzes beinahe vorkommen, denn beide trennt nur die Mulde von einander, in welche sich hier das Schwarzwasser ergießt, daß durch den Zusammenfluß dieser zwei in dem obern Gebirge merkwürdigen Gewässer diese Gegend auf solche Art interessanter wird. Aue ist ein kleines Städtchen, welches aber durch die unferne Porcellanerdenzeche[56] jedem Sachsen bekannt seyn wird; von seiner übrigen Lage ist nichts besonders zu erwähnen. Das auf dem jenseitigen Ufer der Mulde ausgebreitete Celle aber ist durch seine Lage vorzüglicher. Doch wir wollen über die steinerne Brücke selbst hinüber gehen.