Bei dem folgenden heiligen Abenden geht es eben wieder so, wie am Weihnachtsabende, zu. Doch was ich erzählte, gilt nicht etwa von Schneeberg ganz allein, man trifft es fast in allen obergebirgischen Städten an. –
IV.
Besondere Gebräuche.
1.
Das Hutzengehn.
Darunter versteht der gemeine obere Erzgebirger, einen Nachbar, Bekannten oder Freundin auf eine nicht lange Zeit zu besuchen, mit ihm oder ihr zu schwatzen. So habe ich bei gemeinen Leuten vorzüglich im Winter dieses Hutzengehn so bemerkt: der Nachbar, die Bekannte oder Freundin kam im Negligee, grüßte, setzte sich auf die Ofenbank, fieng ein Gespräch an, und war es eine Mannsperson, so schmauchte er ein Pfeifchen. Abends kamen mehrere Mädchen mit ihren Klöppelkissen und Klöppelflaschen,[61] setzten sich um ein tischförmiges, rundes Gerüste, auf dessen Mitte ein Oellämpchen stand, stellten ihre Flaschen darum, setzten sich mit ihren Klöppelkissen bereit und nun gieng das Klöppeln an, welches ein sonderbares Geräusche macht. Sie erzählten sich und sangen, scherzten und bemerkten nach besonders ausgesprochenen Sprüchen, wie viel sie Schläge gemacht hatten.[62] Dann kamen einzeln junge Bursche, welche sich mit hinzusetzten und scherzten, oder, da es meist junge Bergleute waren, erzählten, wie sie heute auf der Grube hätten unglücklich seyn können, worüber die Mädchen erschracken und sie innig bedauerten. Kurz, solche Winterabende im Erzgebirge sind sehr interessant; wenn draußen im Schnee der Sturm tobt und man in der warmen Stube unter solchen gutherzigen Menschen traulich sitzt und ihren Erzählungen horcht, auch wohl gar von ihrer Gastfreundschaft mit der einzigen Kost, mit gebratenen Erdäpfeln tractirt wird, – in der That, wenn man die Menschen liebt, vergißt man hier Ball und glänzende Gesellschaften, wo selten ein warmes, gefühlvolles Herz schlägt, wo man nur der Eitelkeit und ausländischen Sitten fröhnt. O! unter diesen Naturmenschen befand ich mich besser, als in der sogenannten großen Welt; ich fand unter ihnen beinahe wieder, was ich dort verlor. –
2.
Die Aschermittwoche.
An diesem Tage ist es in den meisten Orten gebräuchlich, daß das männliche und weibliche Geschlecht, freilich gewöhnlich die erwachsene Jugend, mit Häckerling oder Heugesäme gegen einander zu Felde zieht und sich damit einäschert. Diese Motion ist freilich oft etwas derb und die Empfindungen dieses Aescherns sind ziemlich unangenehm, denn man fühlt ein immer währendes Jucken und Brennen, welches der auf die Haut und in die Haare geriebene Häckerling verursacht. Aber die gebirgischen jungen Leute sind nicht so überzart und überzuckert, sie lieben diese Motion sehr und verfahren dabei gegenseitig schonungsloos und ohne Mitleid, daß sie dann Stunden lang mit dem Auskämmen und Reinigen der Haare zubringen müssen. Niemand nimmt den Andern etwas übel, ein Gemeingeist, ein Frohsinn spornt Alle zur lebhaftesten Thätigkeit. –
Doch giebt es auch verschiedene Abwechselungen; Liebende oder junge Eheleute z. B. äschern sich oft mit Rosinen und Mandeln an diesem Tage ein. Freilich ist dieses nicht so unangenehm und beschwerlich, und mancher süsse Herr wird dieses auch finden. Ich wollte es euch nicht rathen, ihr zarten, duftenden Herrchen, deren Abgott das hoch gekräuselte, schilfähnliche Haar ist, – ich wollte es euch ja nicht rathen, bei einem Einäschern mit Häckerling und Heugesäme zugegen zu seyn! Verzweiflung würde euch tödten, wenn ihr im oft und gern betrachteten Spiegel euer zerstörtes Haargethürm mit so grobem Puder durchstreut sähet, wenn ihr alle eure Hoffnungen und Mühe so vernichtet erblicktet; denn die erzgebirgischen Mädchen kümmern sich wenig um eure Hahnenkämme, dadurch berückt ihr sie noch nicht! –