Eine hohe Bergkette, welche in einem schrägen Halbzirkel von Mittag gegen Mitternacht sich fortzieht, nennt man in der dasigen Gegend den Fastenberg und theilt ihn ein in den vordern, mittlern und hintern. Auf diesem Fastenberge nun ist Johanngeorgenstadt gebaut und zwar auf dem vordern, hart an der böhmischen Gränze. Zur Zeit nämlich, als der lutherische Religionsbegriff in Sachsen der herrschende geworden war und in allen Provinzen dieses Landes der Wahrheit himmlisches Licht die Nächte des Irrwahns zu verscheuchen angefangen hatte; zur Zeit, als noch finstre, dichte und ungeheure Waldungen den Fastenberg bedeckten und noch (nach eines alten Schriftstellers Ausdrucke) die Bären brummten, die Wölfe heulten, die Füchse bellten, zu dieser Zeit waren an Böhmen die ehemals Schwarzenbergischen Städte Platten und Gottesgabe abgetreten worden. Doch der Religionshaß der Katholiken drückte die lutherischen Einwohner auf alle mögliche Art, und ungeachtet der vom Kaiser Ferdinand in dem errichteten Vertrage mit Johann Georg I. versprochenen Religionsfreiheit, kam schon 1653 der kaiserliche Befehl: daß die Lutheraner entweder römischkatholisch werden, oder mit Zurücklassung ihrer Haabe und Güter das Land meiden sollten. – Es war dieses ein nicht unerwartetes, aber hartes Gebot, und es fragt sich, ob die Lutheraner jetziger Zeiten das würden thun, was ihre ältern Brüder damals thaten. – Die meisten trennten sich von ihrem Eigenthum, von der häuslichen Ruhe, von den zurück bleibenden Blutsverwandten und Freunden, flohen bei Nacht, ohne Aussicht, ohne Mittel, sich irgendwo in die alten Familienverhältnisse wieder zurückzubringen, wieder Haus, Vieh und Feld besitzen zu können. Dennoch um der erkannten Wahrheit willen ließen sie Alles zurück und zogen über die Gränze, ließen sich mitten in einem grausen Walde, in der wildesten Gegend Sachsens, auf den Fastenberge nieder, wo seit dreißig Jahren von Bergleuten aus Platten und Eibenstock ein kleiner Zinn- und Eisenstein-Bergbau getrieben wurde. Da die meisten dieser Ausgewanderten nach den Kenntnissen der damaligen Zeit erfahrne und geschickte Bergleute waren, so untersuchten sie an einigen Stellen den Fastenberg und sieh da! sie fanden bald das gediegenste Silber. – Voll Freude und den Fingerzeug der Gottheit darin erkennend, berichteten sie es an den damaligen Churfürst Johann Georg I., welcher ihnen sogleich die Fortsetzung des Bergbaues gestattete, daß sie sich unterdessen einigermaßen anbauen konnten. Da ich aber nicht die eigentliche Geschichte Johanngeorgenstadts schreiben will, so werde ich das nöthigste nur kurz erzählen.

Da die Anbrüche sich mehrten, so erhielten sie endlich die Erlaubniß eine Stadt anzubauen, welche sie auch nach dem Namen ihres huldvollen Beschützers Johanngeorgenstadt nannten; dieß geschah 1654, ein Jeder mußte ein Stück Wald urbar machen, welches dann sein eigen war. Denn die ganze Gegend war, wie ich schon erwähnt habe, dichter, finstrer Wald und man muß die außerordentliche Betriebsamkeit, die schwere Arbeit und den unablässigen Fleiß dieser Leute bewundern, die es, und in der Folge ihre Nachkommen, dahin brachten, daß man jetzt beynahe eine Stunde weit im Umkreise anstatt Waldung, Felder und Fluren erblickt! – –

In der Ansicht von Morgen nimmt sich die Stadt vorzüglich gut aus, indem sie sich auf dem allmählich aufsteigenden Rücken des Fastenbergs in ihrer Länge gleich emporlehnt und man den Durchschnitt der Gassen wahrnehmen kann, deren jede in gerader Richtung fortläuft; und dann da, wo die Häuser nach der Morgenseite zu sich endigen, zieht sich der Berg schroff und steil herab, daß es scheint, als würden die Häuser herabstürzen, daß man auch, um von Wittichsthal aus in die Stadt kommen zu können, die Wege schneckenförmig im Zickzack angelegt hat. Uebrigens ist es in Johanngeorgenstadt recht hübsch und lebhaft, die Einwohner sind gutmeinende, treuherzige Leute und die Liebe der dasigen Bergleute vorzüglich gegen ihren Friedrich August ist auffallend. –

Man bemüht sich außerordentlich, den Boden zu kultiviren und es fängt auch an, zu gelingen. Freilich sind Erdäpfel das meiste, was man baut, aber diese sind auch das Hauptproduct, indem sie immer gut und in Menge gerathen, Vieh und Menschen ernähren müssen und den niederländischen gar sehr können vorgezogen werden. Die vielerley Speisen, welche man daraus bereitet, lassen sich nicht aufzählen. Ueberhaupt thut dem erzgebirgischen Ackerbau die Witterung den meisten Schaden, denn der Boden an und für sich selbst, durch das häufige Düngen, ist wirklich besser, als man ihn zu finden wähnt und die Erzgebirger können hoffen, daß er in Zukunft gut werde werden, da man durch häufiges Abschlagen der dichten Waldungen dem Klima gewissermaßen zu Hülfe kommt. – Korn baut man auch bei Johanngeorgenstadt, aber freylich ist dieser Feldbau riskanter; weniger riskirt man mit dem Hafer. Das Obst geräth nicht so gut, und wenn es ja zur gehörigen Reife gedeiht, behält es immer noch einen scharfen Geschmack. –

Gleich unten im Thale an der Stadt liegt das Hammerwerk Wittichsthal, welches einem kleinen Dorfe gleicht und durch die fast immer im Gange sich befindenden Eisen- und Blechhütten, durch Fuhrwerk, Mühlen und mehrere rauschende Bäche sehr viel Lebhaftes erhält. Ueberhaupt liegt Wittichsthal recht angenehm, und man hat einen erfreulichen Anblick, wenn man es oben von der Stadt herab betrachtet. Hinter dem sogenannten Herrenhause dehnen sich lange Wiesen und Aecker aus, an deren Ende hinten das Schwarzwasser vorbei sich schlängelt, welches zwischen den böhmischen Gebirgen aus dunklem Forste hervorfließt und so einen schönen Anblick gewährt. An dem jenseitigen Ufer desselben erhebt sich allmählich, mit Aeckern und Feldern an seinem Fuße, der Rabenberg, eine Gebirgskette, die sich von der böhmischen Gränze an längs dem Schwarzwasser bis gegen Breitenbrunn hinabzieht; doch nennt man nur einen gewissen Theil derselben den Rabenberg. Weiter oben am Saume der Waldung, welche sich in Mischung mit Buchen und Birken, und grotesken Felsentrümmern, auf dem Rücken dieses Gebirgs ausdehnt, liegt ein kleines Pachtgut, welches zu Wittichsthal gehört. Nun aber wollen wir ein wenig umkehren und durch Wittichsthal bei mehrern Zechen vorbei nach dem kaiserlichen Zollhause zu und von da bei Gelegenheit auf eine kurze Zeit über die Gränze gehen, damit wir Alles besehen. Dieses Zollhaus liegt hart an dem Gränzbache, dessen Wasser roth sieht und weiter unten, wo es in das Schwarzwasser sich ergießt, ein angenehmes Farbenspiel erblicken läßt. Hinter dem Zollhause steigt das sogenannte Kaiserwäldchen (Kaserwalle nach gebirgischer Mundart) auf, welches sich bis gegen ein böhmisches Blaufarbenwerk fast hindehnt, ungefähr eine kleine Viertelstunde weit. Dieses Blaufarbenwerk (sein jetziger Besitzer ist ein Herr Bürgermeister Elster) liegt in einem engen, allmählich sich erweiternden Thale, von Felsen und schwarzem Forste zur Seite und hinten umgeben, indem ein hoher Berg sich hinter dasselbe herabzieht, der sich in einer mit grauen Felsen bespitzten Zunge bei der böhmischen Hammermühle endigt und den Zusammenfluß des Breitenbachs und des Rothenbachs geschehen läßt. Diese sogenannte Hammermühle präsentirt sich sehr abstechend und freundlich. Von da gehen wir nun weiter und sehen, wie das Elstersche Haus aus dem dunklen Hintergrunde so angenehm hervorblickt. Ihm gegenüber, ungefähr dreißig Schritte, erhebt sich ein waldloser, grüner Gebirgstheil, worauf hie und da einige Häuser stehen, davon eines der obersten man die Marianne benannt, welches von den Johanngeorgenstädtern fleißig wegen des da zu habenden guten, böhmischen Bieres und der herrlichen Aussicht besucht wird. Wir wollen auch einmal einkehren, da uns das Bergsteigen sauer geworden ist; wir wollen uns erst durch einen Trunk und dann durch die Aussicht laben. –

Nun, lieber Leser, du hast dich gelabt, hast die Reinlichkeit bewundert, welche in diesem Hause herrscht, und willst nun der entzückenden Aussicht genießen. Komm und sieh, und freue dich!

Vor deinen Füssen senkt sich des Berges grünbegraßter Abhang hinab zum Ufer des rauschenden Breitenbachs, an welchem in silberglänzenden Holzstößen die Bachstelze und der Sperling einträchtig nisten und fröhlich umherschwärmen. Wende dein Angesicht gegen Mittag und sieh die Menge der kleinern und größern waldigen Berge, die, wie Gräber, bald in lichterem bald in dunklerem Grün emporragen und den Himmel zu tragen scheinen. Nun sieh zu deiner Linken, wie der Saum des Kaiserwäldchens sich in einem Bogen herabzieht und endlich weiter unten bei den Felsenblöcken in einzelne Tannen sich verliert. Und unten im Thale erblickst du die Straße nach Platten, immer von Menschen betreten; der Breitenbach bildet nun einen Bogen und zieht sich längs dem schroffen Ende des Berges hinab, silbern blitzend. Gleich hinter den Blaufarbenwerk-Gebäuden erhebt sich steil und hoch ein ernster Berg, hie und da einige Felsenruinen und oben das Ende eines Tannenwaldes, den kein Strahl der Sonne durchdrang. Immer schräger senkt sich der Berg hinunter, wie das grausende Grab eines Giganten, und endigt sich vornen bey der Mühle in felsige Terrassen; die einzelnen, niedrigen Häuschen erhöhen das Romantische. Alles dieses hast du nahe vor dir. – Aber, nun sieh, wie hinter diesem Gigantengrabe sich rechts der mit Aeckern, Feldern und Gebüschen geschmückte, vordere Fastenberg hemisphärisch zeigt, wie im Thale an dem Fuße desselben die Farbmühle[4] mit ihren Linden und dem lebendigen Zaune hervorblickt, wie abwechselnd jenes Thal hinauf sich dehnt; sieh, wie links das Weißguth mit seiner Allee hervorguckt, seitwärts die Jugler-Straße und oben am Saume des Waldes, wie die Fensterscheiben einiger kleinen Häuser im Spiegel der Sonne herüberfunkeln; rechts drüben auf dem Fastenberge, wie flimmernd der Wassergöpel so hoch ragt, weiter hin das Neue Leipziger Glück[5] und hinten am Walde das Vitriol- und Schwefelwerk mit seinen weißfahlen Rauchsäulen; sieh, wie rund am Horizonte sich sanft eine Kette von Waldungen schlingt, hinter welchen gegen West hin die Spitze des Auersberges im Nebelgrau hervor blickt! – – Und nun wenn kein Kummer, kein Gram in deinem Busen naget, wenn du immer Ruhe hast, o! dann komm, wann auf ihrem Rosengewölk hinten die Sonne sinkt, wann der Dämmrung braune Schleier vor dir die Thäler bedecken und du noch im Abendgolde des scheidenden Tagesfürsten stehst, dessen milder Blick hie und da noch auf den Spitzen der Berge freundlich weilt und hochroth dort oben durch die einzelnen Tannen sich stiehlt, wie der Auersberg im strahlenden Farbenwechsel am Horizonte ragt, wie – – o! ich kann dir nicht alles so schildern, – siehe selbst, fühle selbst! Bist du glücklich, so wirst du dich unendlich glücklich fühlen, und bist du unglücklich, so vergißt du hier all dein Leid, du bist getröstet! Dem Himmel näher fühlst du dich, und der Abendglocke sanfter Schall, der von der Stadt herüber durch den Wald tönt, vermehrt die hohe Rührung deines Herzens, daß du in dem Glauben an einen Vater überm Sternenzelte die reinste Seeligkeit empfindest! –

Wir verlassen nun den Berg[6] und steigen durch das Wäldchen wieder hinab, gehen bei der Hammermühle über den Steig und sind wieder auf sächsischem Boden. Nun wollen wir auch das Farbmühler-Thal besehen.

Der Weg führt bey dem Malzhause und der Mühle vorbei, wo links und rechts braune Felsen hervorragen. Jetzt sind wir da, wo man links in ein kleines Thal blicken kann, dessen Mitte der Gränzbach in der Länge herab durchschneidet, welcher hinten aus dem Fichtenwalde hervorfließt, klares, frisches Wasser enthält und wenn ich nicht irre, der Pechhöfer genannt wird. Der linke Theil dieses Thales ist böhmisch, so wie der rechte sächsisch. Es ist sehr angenehm, dieses einsame Thal zu durchwandeln; sonst traf man auch darin eine Anzahl kleiner Fischteiche, welche zu dem sogenannten Weißguthe gehörten, jetzt aber durch die Nachlässigkeit des damaligen Besitzers meist eingegangen und vertrocknet sind. Ueberhaupt, als jenes Guth dem verdienstvollen, seligen Pastor Brunner noch gehörte, soll es sehr angenehm daselbst gewesen seyn. Auch findet man in dieser Gegend weiter oben ein vortreffliches Echo. Nun vorwärts! – Wir halten uns rechts, gehen bey dem kleinen Wehr des Bachs, welcher aus dem Farbmühler-Thale hervorfließt, hinüber auf den Fahrweg, bei den nassen Felsen vorbei und kommen an mehrere Häuser und eine große Mühle, zusammen die Unterjugel genannt. Nun richten wir unsern Weg nach dem sogenannten Gartenhause, ein rothgestrichenes, großes Gebäude, an welchem einige von Kugeln zerlöcherte Scheiben hängen; – eine Erinnerung an daselbst verlebte, frohe Tage, welche ein Zwiespalt des Raths mit dem Bergamte einst unterbrach. –

Vor diesem Hause stehen mehrere alte Linden, deren Aeste sich in einander verweben und worunten steinerne Tische und Bänke sind, nebst einem Kegelschube; zu beiden Seiten zieht sich ein lebendiger Fichtenzaun hin, daß es Sommerszeit äußerst angenehm daselbst ist, indem man auch einen guten Trunk Bier haben kann. Das Gartenhaus selbst ist von einem lebendigen Zaune weit eingeschlossen, welcher sich hinter demselben an dem Berge hinauflehnt und oben an ein altes, steinernes Thor sich anschließt, welches Alles, so wie das Terrassenförmige, sich vortrefflich ausnimmt. Ueberhaupt gefällt es hier den Johanngeorgenstädtern und allen Fremden am besten, in Rücksicht eines öffentlichen Vergnügungsortes. Sonntags machen die Berghautboisten gewöhnlich Tanzmusik und der junge Bergmann verjubelt hier in den Armen seines Mädchens die übrigen, wenigen Groschen seines sauer verdienten Lohnes. –