(In einem Kaffeehause.) So von seinem Marmortischchen aus, seine Tasse vor sich, zu betrachten, die da kommen und gehen, sich setzen und sich unterhalten, und durch das mächtige Fenster die draußen hin und her treiben zu sehen, wie Fischgewimmel hinter der 229Glaswand eines großen Behälters, — und dann und wann der Vorstellung sich hinzugeben: Das bist Du! Und sie alle zu sehen, wie sie nicht wissen, wer sie sind, wer da, als sie, mit SICH selber redet, und wer sie aus meinen Augen als SICH erkennt und aus ihren nur als sie!


Wie tief wird doch die Kirche, wenn man die Menge betrachtet, in der sie das eigentlich Wertvolle, das Innerliche, Namenlose wach erhält, diese Menge, die unter den Händen der Aufklärer zu einem platten, sich selbst und den andern uninteressanten Haufen wird! Ja, die Kirche ist sicherlich unsere, der Erkennenwollenden, beste Freundin. Sie ist die einzige ebenbürtige Gefährtin der Philosophie. Und was die Verirrungen beider anbetrifft, so dürften sie hier wie dort, wenn auch gleich ehrwürdig, ganz verschiedenen Charakters, gleich unerträglich und gleich lächerlich sein.


Vielleicht bin ich nur ein Bildschnitzer und nun schnitz ich Gottes Bildnis an allem.


Eine szenische Vorstellung ist für den Kontemplativen etwas wie eine Parade. Oder wie ein Schachspiel, gespielt mit lebendigen Puppen. Oder wie ein Glockenspiel mit kunstvollen Figuren.


Aller Blick auf menschliche Dinge muß zuletzt im Furchtbaren enden. Iwan Karamasow lehnt diese Welt ab; und wenn er alles begriffe, die Leiden der Kinder begreift er nicht. Wie aber — wenn all dies Leiden zuletzt ein Eigenleiden, ein Selbsterleiden 230Gottes ist! Wenn die ganze Menschheit und jede nur irgendwie denkbare Menschheit des Alls Gott selbst ist, das ohne Maß große schauerliche tragische Leben Gottes selbst! Nur eine Sekunde dumpfer Ahnung Seiner, als Gott selbst, in eines Menschen Hirn .. und scheint nicht alles aufgelöst — nicht in eine unsagbare Harmonie — o nein — aber in einen nie zu erfassenden, erfühlenden Abgrund von solcher Schauerlichkeit und Tiefe, daß jede Anklage, jede Klage, ja jedes Urteil verstummt. Es bleibt nur der fast unsichtbare Blitz einer fernen Erkenntnis Seiner selbst, der mich, den Menschen, zerfressen und tot niederwerfen würde, wenn er auch nur einen Grad heller, eine Sekunde länger leuchtete. Aber ich glaube, diese dumpfe Selbsterkenntnis Gottes im Menschen ist zugleich Seine einzige Selbsterkenntnis. Gott ist in der Natur gefangen, wenn man so sagen soll. Gott ringt sich aus ihr zum Sich Selbst erschauenden Geist empor. Der Mensch ist Gottes Kopf. Aber so wenig wie der Mensch, wird sich Gott je selbst erkennen (nur erahnen); denn er erkennt ja nur so weit, als er Mensch ist. Menschenleid ist zugleich Gottesleid; es scheint nur ein Wechsel des Worts und es ist doch etwas andres, ob jenes kleine Mädchen, von dem Iwan Karamasow erzählt, sich als eben dieses Mädchen die Brust mit den Fäustchen schlägt oder ob es einen Moment im Leben dieser selbstseienden, mit sich selbst kämpfenden, um sich selbst kämpfenden Unsagbarkeit ‚Gott‘ darstellt. Dieses Mädchen ist dort noch bürgerlich gesehen, göttlich gesehen wird es zum Mysterium, zu liebenswert für unsere Liebe, wie zu tief für unsere Klage.