231(Nach einem französischen Roman.)

Sieh diese Liebe zweier Menschen, denen die gemeine Sorge des Lebens fern bleibt, diese, wenn du so willst, frevelhafte Liebe, weil sie im Geheimen und wider das Gesetz lebt, sieh diese beiden Luxusgeschöpfe, die der Proletarier erwürgen würde, wenn er wieder einmal in die Häuser der Bürger bräche, — stelle dir dicht daneben, kaum durch eine Straße getrennt, das grinsende Elend, die verstümmelnde Krankheit, den Schmutz, die Niedrigkeit, das Verbrechen vor — und frage dich, was ein Gott tun müßte, der dies nicht alles selbst wäre. Nur eine Welt, die Gott selbst ist, darf so sein, wie sie ist. Gott schenkt sich selber nichts, er ist die Liebe jener beiden feinen verwegen gewissenlosen Kulturgeschöpfe, er ist ihr Rausch, ein Rausch von solcher Tiefe und Schönheit, daß er selbst dieser Rausch sein muß, um seinen ganzen sublimen Wert zu empfinden, daß er er sein muß, um ihn (möchte ich sagen) nicht erst ‚empfinden‘ zu müssen und so ihn durch dies Empfinden, das zugleich ein Urteilen wäre — im Urteilen aber schläft auch schon das Verurteilen — herabzusetzen; ich sage, er ist diese Liebe selbst, wie er auch daneben das Elend, die Krankheit, der Schmutz ist, er braucht nicht vor sich zu erröten wie ein feiler Genüßling, er ist kein Dieb an fremdem Gut, er erschleicht seine höchsten Zustände nicht, er ist in schrecklicher Fülle und Wahrheit alles, von oben bis unten, er ist das ganze Universum am ‚eigenen Leibe‘, noch einmal: Er darf alles sein, weil er alles ist. (Spätere Anmerkung: Solange er nicht selbst darum ‚weiß‘. In diesem Moment beginnt seine — Sittlichkeit.)


232Es gibt nichts, das ich Mir nicht vergeben könnte, und nichts, das ich nicht überwinden möchte.


Die Liebe zwischen Mann und Weib wird erst dadurch, daß sie Liebe Gottes zu sich selbst ist, zu einem Problem von schauerlicher Tiefe. Was allein kann das letzte Ziel dieser Liebe sein? Das Kind? Keineswegs. Das Kind ist ja nur wieder Gott als Individuum. Wenn der Mann mit dem Weibe plötzlich zusammenschmelzen könnte in einen dritten Körper, dann würde die Erde vielleicht im selben Augenblicke vor jähem Erschrecken untergehen.


Nietzsche sagt einmal, daß mit der Wissenschaft der Optimismus Herr geworden sei. Und fürwahr, mit dieser Zählmaschine in der Hand wird der Mensch ein beschäftigtes und beruhigtes Schulkind. Die Furchtbarkeit des Daseins verliert ihre Gewalt für ihn, er klassifiziert, klärt auf, korrigiert hier und dort. Eine Welt, für die es nur die Eine Bezeichnung ‚furchtbar‘ gibt, wird ihm zuletzt ein behagliches Wohnhaus, in das bloß der Tod seine ungemütlichen Schatten wirft. — Sei bedankt, Tod, millionenmal bedankt, daß du das unwegschaffbare Ingredienz unseres Lebens bist. Ohne dich müßte das ganze Sinnen jedes Denkenden unaufhörlich darauf gerichtet sein, dich zu erfinden. Ohne dich würde Gott am eigenen Leibe verfaulen.