Vor einem Kirchhof: Die abgelegten Kleider Gottes.


233Gott ist die Überwältigung unseres Innern durch die Unendlichkeit. Die Kapitulation des menschlichen Begriffsvermögens vor der Welt.


Philosophie und Religion ist für den Menschen vielleicht nur der Gefrierpunkt gegen den Wahnsinn. Vor der Kälte des Universums zieht sich das Wasser als Haut zusammen, so vor der Kälte des Unbegreiflichen der Geist zur Weisheit, das Herz zum Glauben. Gott, wo er nicht im Verfall, rettet sich vor dem Verfall, indem er denkt.


Mein Gottesbegriff ist die Heiligung auch des Allerfurchtbarsten. Alles, was geschieht, ist Mein bewußter oder unbewußter Wille und als solcher unantastbar. Damit aber fällt zugleich die übertriebene Wichtigkeit alles Geschehens dahin. Alles ist wichtig — als göttliche Äußerung; und nichts ist wichtig — ebenfalls als göttliche Äußerung. Gottheit ist Fülle, und Fülle weiß nichts von dem, was sich Kümmerlichkeit als Gewinn und Verlust herausrechnet. Es gab zu lange nur den Gott des Bürgers, Gott sah sich selbst als Bürger: den aber hat sein eignes Lachen töten müssen. Aus dem Gott-Bürger wurde der Gott-Freie, aus dem komischen wieder der tragische Gott.


In einen Roman:

‚Ich sitze hier vor Ihnen und habe einen Gedanken, so groß, wie er vielleicht noch nie von einem Menschen gedacht worden ist, oder wenn, dann nur von einigen Wenigen, halb Verborgenen, ich sitze hier vor Ihnen und werde nicht drehend, nicht von Sinnen, nicht 234von Fieber geschüttelt. Ich bringe es fertig, mit diesem Gedanken mein ganzes bisheriges Leben fortzuleben, als sei nichts geschehen. Begreifen Sie, wie tief ich mich verachten muß, daß selbst ein solcher Gedanke dies schöne Gleichgewicht, um das mich so viele beneiden, nicht zerstört, und wie ich im Innersten nur jenes Eine begehren muß: den Schmerz, den unentrinnbar tödlich verwundenden, den —‘