1. Kapitel.
Wo mir recht ist, war es gleich am Sankt Gergenstage, als ich das erstemal von meiner sehr gefährlichen Reise in einem alten zerrissenen Kaperrocke und zwar barfuß des ehrlichen Schelmerode wieder ansichtig wurde. Nun kann ichs, der Tebel hol mer, nicht sagen, wie mir alles so fremde und unbekannt in meiner Geburtsstadt vorkam; ich hatte sie auch so verkennen gelernt, als wenn ich dieselbe zeitlebens mit keinem Auge gesehen gehabt. Drei ganzer Tage und Nächte lief ich wie ein irrer Mensch auf allen Gassen herum und wußte meiner Frau Mutter Haus nicht wiederzufinden, wenn es auch mein Leben hätte kosten sollen. Fragte ich gleich Leute, ob sie mir nicht davon könnten Nachricht geben oder zum wenigsten nur die Gasse sagen, wo meine Frau Mutter wohnen möchte, so sperrten sie, der Tebel hol mer, allemal die Mäuler auf und sahen mich an und lachten. Ich kunnte es ihnen zwar nicht verargen, daß sie so albern taten und mir auf mein Fragen keine Antwort gaben. Warum? Ich hatte meine Fraumuttersprache in der Fremde ganz verreden gelernt, denn ich parlierte meist Engländisch und Holländisch mit unter das Deutsche, und wer mir nicht sehr genau auf mein Maul Achtung gab, der kunnte mir, der Tebel hol mer, nicht eine Silbe verstehen. Ich hätte, halt ich dafür, meiner Frau Mutter Haus wohl in acht Tagen noch nicht gefunden, so mir nicht ohngefähr die dritte Nacht zwischen elfen und zwölfen meine Jungfer Muhmen auf der Gasse wären in Wurf gekommen, welche ich auch anredete und fragte, ob sie mir keine Nachricht von meiner Frau Mutter Hause melden könnten. Die Menscher sahen mir im Finstern beide scharf ins Gesichte und verstundens doch (ob ich gleich sehr undeutsch redete) und was ich haben wollte.
Endlich so fing die eine an und sagte, ich sollte mich erstlich zu erkennen geben, wer ich wäre, alsdann wollten sie mich selbsten an verlangten Ort bringen. Wie ich ihnen nun erzählte, daß ich der und der wäre, und daß ich schon drei ganze Tage in der Stadt herumgelaufen und kein Henker mir hätte berichten können, in welcher Gasse doch meine Frau Mutter wohnen müßte: O sapperment! wie fielen mir die Menscher beide auf der Straße um den Hals und erfreuten sich meiner guten Gesundheit und glücklichen Wiederkunft. Sie kriegten mich beide bei meinem zerrissenen Kaperrocke zu fassen und waren willens, mit mir nach meiner Frau Mutter Hause zu marschieren. Indem wir alle drei nun sehr artig miteinander gingen und ich ihnen unterwegens von meiner Gefangenschaft zu Sankt Malo anfing zu erzählen, so kamen unvermerkt zwei Kerls hinter mir hergeschlichen, die denken, ich bin etwa ein gemeiner Handwerksbursche, weil ich so liederlich ging, und gaben mir da rücklings ein jedweder eine Presche und rissen mir hierauf meine Jungfer Muhmen von der Seite weg und wanderten mit ihnen immer, was läufst du, was hast du, soviel ich im Finstern sehen kunnte, durch ein enges Gäßchen durch. O sapperment! wie verdroß mich das Ding von solchen unverständigen Kerlen, weil sie mich nicht besser respektierten. Ihr größtes Glück war, daß mir auf der spanischen See von Hans Barth mein vortrefflicher Rückenstreicher mit war von der Seite weggeraubt worden, sonst hätte ich ihnen nicht einen Dreier vor ihr ganzes Leben geben wollen; so aber hatte ich nichts in Fäusten, und ohne Degen im Finstern auf Händel auszugehen, glückt auch nicht allemal, drum dachte ich, du willst lieber die Preschen einstecken und stehenbleiben, bis deine Jungfer Muhmen wiederkommen; die werden dirs wohl sagen, wer die Kerls gewesen sein, hernach müssen sie dir schon Satisfaktion vor dem Schimpf geben. Ich stund wohl über drei Stunden auf derselben Stelle, wo ich die Preschen bekommen hatte, und wartete auf meine Jungfer Muhmen.
Wie dieselben nun wiederkamen, so waren sie ganz voller Freuden und erzählten mir, wie es ihnen so wohl gegangen wäre und wie sie beide von denselben Kerlen, welche mir die Preschen gegeben, so vortrefflich beschenkt worden und es sehr bedauert, weil ich ihr Herr Vetter wäre, daß sie sich an mir vergriffen hätten. Nachdem ich von meinen Jungfer Muhmen nun solches vernahm, daß es unversehenerweise geschehen war und daß die Presche, welche ich bekommen, einem andern waren zugedacht gewesen, so ließ ichs gut sein und dachte: Irren ist menschlich. Hierauf so führten mich meine Jungfer Muhmen immer nach meiner Frau Mutter Hause zu. Als wir nun vor die Türe kamen, so konnten wir nicht hineinkommen. Wir klopften wohl über vier Stunden vor meiner Frau Mutter Hause an, allein es wollte uns niemand hören.
Wie wir nun sahen, daß uns keiner aufmachen wollte, legten wir uns alle drei die Länge lang vor die Haustür und schlummerten da so lange, bis das Haus wieder geöffnet wurde; hernach so schlichen wir uns heimlich hinein, die Treppe sachte hinauf und nach meiner Jungfer Muhmen ihrer Kammer zu, daß sie und mich niemand gewahr wurde. Oben zogen sich meine Jungfer Muhmen nun aus und legten ihr Nachthabit an, und zwar zu dem Ende, damit niemand merken sollte, daß sie vergangene Nacht anderswo frische Luft geschöpft hätten. Da solches geschehen, hießen sie mich sachte die Treppe wieder hinunterschleichen und an meiner Frau Mutter Stubentüre anpochen, und sollte hören, ob sie mich auch noch kennen würde.
Als ich nun unten wieder ins Haus kam: O sapperment! wie kam mir alles so fremde und unbekannt in meiner Frau Mutter Hause vor. Ich suchte wohl über zwei Stunden, ehe ich meiner Frau Mutter ihre Stubentüre wiederfinden konnte, denn ich hatte alles miteinander im ganzen Hause fast gänzlich verkennen gelernt, ausgenommen meiner Frau Mutter ihr klein Hündchen, welches sie immer mit zu Bette nahm und hernachmals eines unverhofften Todes sterben mußte; dasselbe erkannte ich noch an dem Schwanze, denn es hatte einen blauen Fleck unter dem Schwanze, welchen ich dem Hündchen unversehens, da ich noch vor diesem in die Schule ging, mit meinem Blaserohre, als ich nach einem Sperlinge geschossen und das Hündchen unversehenerweise unter den Schwanz getroffen, gemacht hatte. Aber meine Frau Mutter, als ich derselben ansichtig wurde, so kam sie mir, der Tebel hol mer, ganz unkennbar vor, und ich hätte es auch nimmermehr geglaubt, daß sie meine Frau Mutter wäre, wenn ich sie nicht an dem seidenen Kleide, welches ihr vormals die große Ratte zerfressen gehabt, erkannt hätte, denn es war in demselben hinten und vorne ein abscheulich groß Loch, und zu ihrem großen Glücke hatte sie das zerfressene Kleid gleich selben Tag angezogen, sonst hätte ich sie, der Tebel hol mer, nicht wiedergekannt.
Nachdem ich nun gewiß wußte und das zerfressene seidene Kleid mir genugsam zu verstehen gab, daß ich meine Frau Mutter, welche ich in so vielen unzähligen Jahren mit keinem Auge gesehen, wiederum vor mir stehen sah, so gab ich mich hernachmals auch zu erkennen und sagte, daß ich ihr fremder Herr Sohn wäre, welcher in der Welt was Rechts gesehen und erfahren hätte. O sapperment! was sperrte das Mensch vor ein Paar Augen auf, wie sie hörte, daß ich ihr Sohn Schelmuffsky sein sollte! Sie sagte anfänglich, das Ding könnte unmöglich wahr sein, daß ich ihr Herr Sohn wäre, indem ihr Herr Sohn, wie sie vernommen, einer mit von den vornehmsten Standespersonen unter der Sonnen wäre und würde, wenn er wieder nach Hause käme, so liederlich wie ich nicht aufgezogen kommen. Ich antwortete aber hierauf meiner Frau Mutter sehr artig und half ihr mit zwei bis drei Worten gleich aus dem Traume, sagend, wie daß ich nämlich einer mit von den vornehmsten Standespersonen schon in der Welt gewesen, und wie daß einem ein gut Kleid auf der Reise nichts nütze wäre, und wie daß der von Schelmuffsky ein ganz halb Jahr zu St. Malo gefangen gesessen, und ihr einziger lieber Sohn, welcher wegen einer großen Ratte, und zwar nach Adam Riesens Rechenbuche, vier Monate zu früh auf die Welt gekommen wäre. O sapperment! als meine Frau Mutter von der Ratte hörte, wie fiel mir das Mensche vor Freuden um den Hals und herzte und poßte mich, daß ichs, der Tebel hol mer, nicht sagen kann. Als sie mit mir nun eine gute Weile getändelt hatte, so fing sie vor großen Freuden an zu gransen, daß ihr die Tränen immer an den Strümpfen herunterliefen und ihre sämischen Schuhe pfützenmadennaß davon wurden. Hierzu kamen nun meine Jungfer Muhmen in ihrem Schlafhabite zur Stubentür hineingetreten und boten meiner Frau Mutter einen guten Morgen, gegen mich aber stellten sie sich, als wenn sie mich zeitlebens nicht gesehen hätten.
Meine Frau Mutter hatte auch damals einen kleinen Vetter bei sich, dasselbe war eine schlaue Wetterkröte und wurde dem Ase aller Willen gelassen. Indem nun meine Frau Mutter ihren Jungfer Muhmen erzählt, wie daß ich ihr Sohn Schelmuffsky wäre, der sich was Rechts in der Fremde versucht hätte und zu Wasser und zu Lande viel ausgestanden, so mochte es der kleine Vetter in der Stubenkammer hören, daß von Schelmuffsky geredet wurde: kam das kleine Naseweischen wie eine Ratte aus meiner Frau Mutter Bette gesprungen und guckte zur Stubentüre hinein. Sobald als er mich nun erblickte, fing der kleine Junge, der Tebel hol mer, an zu lachen und fragte mich da gleich, was ich denn schon zu Hause wieder haben wollte, indem ich kaum vierzehn Tage weg wäre? O sapperment! wie verdroß mich das Ding von dem Jungen, daß er mir von vierzehn Tagen schwatzte. Wie ich nun meine Frau Mutter hierauf fragte, ob er mich denn noch kennte, so gab ihr der Naseweis so höhnisch zur Antwort und sagte, warum er denn seinen liederlichen Vetter Schelmuffsky nicht kennen sollte. Da ihm aber meine Frau Mutter die Augen eröffnen wollte und zu ihm sprach, daß er unrecht sehen müßte und wie daß ich mich in der Fremde was Rechts sowohl zu Wasser als zu Lande versucht hätte, so fing mein kleiner Vetter wieder an: Frau Muhme, sie wird ja nicht so einfältig sein und solche Lügen glauben, ich habe mir von unterschiedlichen Leuten erzählen lassen, daß mein Vetter Schelmuffsky nicht weiter als eine halbe Meile von seiner Geburtsstadt gekommen wäre und alles miteinander mit liederlicher Kompagnie im Tobak und Branntewein versoffen. O sapperment! wie knirschte ich mit den Zähnen, als mir der Junge Tobak und Branntewein unter die Nase rieb.
Nach diesem baten mich meine Jungfer Muhmen, daß ich doch von meiner gefährlichen Reise was erzählen sollte und was ich vor Dinge in der Welt gesehen hätte. Wie ich nun Sachen vorbrachte, welche große Verwunderung bei meinen Jungfer Muhmen erweckten, so fiel mir der Junge allemal in die Rede und sagte, ich sollte nur stillschweigen, es wäre doch alles erstunken und erlogen, was ich da aufschnitte. Endlich so lief mir die Laus auch über die Leber und gab ihm, ehe er sichs versah, eine Presche, daß er flugs an die Stubentüre hinflog und die Beine hoch in die Höhe kehrte. Ei sapperment! was verführte deswegen meine Frau Mutter vor ein Spiel! Wie vielmal ich mich auch hernach des Jungens halber mit meiner Frau Mutter gezankt und gekiffen[57], das wäre, der Tebel hol mer, auf keine Eselshaut zu bringen, und ist meines Erachtens unnötig, daß ich hiervon viel Wesens mache. Ist aber jemand kuriöse[58] und will von solchem Gekeife genauere Nachricht wissen, dem kann ich keinen bessern Rat geben, als daß er nur etliche ehrliche Weiber in der Nachbarschaft deswegen drum fragt; die werdens ihm, der Tebel hol mer, haarklein sagen.
[57] gekeift.