[67] Häscher.
[68] feierlicher, langsamer Tanz.
4. Kapitel.
Padua ist, der Tebel hol mer, eine brave Stadt; ob sie gleich nicht gar groß ist, so hat sie doch lauter schöne neue Häuser und liegt eine halbe Stunde von Rom. Sie ist sehr volkreich von Studenten, weil so eine wackere Universität da ist. Es sind bisweilen über dreißigtausend Studenten in Padua, welche in einem Jahre alle miteinander zu Doktors gemacht werden. Denn da kann, der Tebel hol mer, einer leicht Doktor werden, wenn er nur Speck in der Tasche hat und scheut dabei seinen Mann nicht. In derselben Stadt kehrte ich nun mit meinem Pferde und großen Kober in einem Gasthofe, zum Roten Stier genannt, ein, allwo eine wackere, ansehnliche Wirtin war. Sobald ich nun mit meinem großen Kober von dem Pferde abstieg, kam mir die Wirtin gleich entgegen gelaufen, fiel mir um den Hals und küßte mich, sie meinte aber nicht anders, ich wäre ihr Sohn. Denn sie hatte auch einen Sohn in die Fremde geschickt, und weil ich nun unangemeldet flugs in ihren Gasthof hineingeritten kam, und sie meiner nur von hinten ansichtig wurde, so mochte sie in dem Gedanken stehen, ihr Sohn käme geritten; so kam sie spornstreichs auf mich zu gewackelt und kriegte mich von hinten beim Kopfe und herzte mich. Nachdem ich ihr aber sagte, daß ich der und der wäre und die Welt auch überall durchstankert hätte, so bat sie hernach bei mir um Verzeihung, daß sie so kühn gewesen wäre.
Es hatte dieselbe Wirtin auch ein paar Töchter, die führten sich, der Tebel hol mer, galant und proper in Kleidung auf, nur schade war es um dieselben Menscher, daß sie so hochmütig waren und allen Leuten ein Klebefleckchen wußten anzuhängen, da sie doch, der Tebel hol mer, von oben bis unten selbst zu tadeln waren. Denn es kunnte kein Mensch mit Frieden vor ihrem Hause vorbeigehen, dem sie nicht allemal was auf den Ärmel hefteten, und kiffen[69] sich einen Tag und alle Tage mit ihrer Mutter, ja sie machten auch bisweilen ihre Mutter so herunter, daß es Sünde und Schande war, und hatten sich an das häßliche Fluchen und Schwören gewöhnt, daß ich, der Tebel hol mer, vielmal dachte: Was gilts? die Menscher werden noch auf dem Miste sterben müssen, weil sie ihre eigene Mutter so verwünschen. Allein es geschah der Mutter gar recht, warum hatte sie dieselben in der Jugend nicht besser gezogen. Einen kleinen Sohn hatte sie auch noch zu Hause, das war noch der beste; sie hielt ihm unterschiedene Präzeptores, aber derselbe Junge hatte zu dem Studieren keine Lust. Seine einzige Freude hatte er an den Tauben und auch (wie ich in meiner Jugend) an dem Blaserohre, mit demselben schoß er im Vorbeigehen, wenn es Markttag war, die Bauern immer auf die Köpfe und versteckte sich hernach hinter die Haustür, daß ihn niemand gewahr wurde. Ich war demselben Jungen recht gut, nur des Blaserohrs halber, weil ich in meiner Jugend auch so einen großen Narren daran gefressen hatte.
Nun hätte auch diese Wirtin so gerne wieder einen Mann gehabt, wenn sie nur einer hätte haben wollen, denn der sappermentsche Kupido mußte ihr eine abscheulich große Wunde mit seinem Pfeile gemacht haben, daß sie in ihrem sechzigjährigen Alter noch so verliebt um den Schnabel herum aussah. Sie hätte, halt ich dafür, wohl noch einen Leg-dich-her bekommen, weil sie ihr gutes Auskommen hatte. Den ganzen Tag redete sie von nichts anders als von Hochzeit machen und von ihrem Sohne, welcher in der Fremde wäre, und sagte, was derselbe vor ein so stattlicher Kerl wäre.
Ich hatte, halt ich davor, noch nicht drei Wochen bei derselben Wirtin logiert, so stellte sich ihr fremder Sohn zu Hause wieder ein. Er kam, der Tebel hol mer, nicht anders als ein Kesselflicker aufgezogen und stunk nach Tobak und Branntewein wie der ärgste Marodebruder[70]. Ei sapperment! was schnitt der Kerl Dinges auf, wo er überall gewesen wäre, und waren, der Tebel hol mer, lauter Lügen.
Wie ihn nun seine Mutter und Schwestern wie auch sein kleiner Bruder bewillkommet hatten, so wollte er mit seinen Schwestern Französisch an zu reden fangen, allein er kunnte, der Tebel hol mer, nicht mehr vorbringen als »oui«. Denn wenn sie ihn auf deutsch fragten, ob er auch da und da gewesen wäre, so sagte er allemal »oui«. Der kleine Bruder fing zu ihm auch an und sagte: »Mir ist erzählt worden, du sollst nicht weiter als bis Halle in Sachsen gewesen sein: ists denn wahr?« So gab er ihm gleichfalls zur Antwort: »Oui«. Als er nun hierzu auch »oui« sprach, mußte ich mich, der Tebel hol mer, vor Lachen in die Zunge beißen, daß ers nicht merkte, daß ich solche Sachen besser verstünde als er. Denn ich kunnte es ihm gleich an den Augen absehen, daß er über eine Meile Weges von Padua nicht mußte gewesen sein.
Wie ihm das Französischreden nicht wohl fließen wollte, so fing er Deutsch an zu reden und wollte gerne fremde schwatzen, allein die liebe Muttersprache verriet ihn immer, daß auch das kleinste Kind es hätte merken können, daß es lauter gezwungen Werk mit seinem Fremdereden war. Ich stellte mich nun dabei ganz einfältig und gedachte von meinen Reisen anfänglich nicht ein Wort. Nun da hat der Kerl Dinge hergeschnitten, daß einem flugs die Ohren davon hätten weh tun mögen, und war nicht ein einzig Wort wahr. Denn ich wußte es alles besser, weil ich dieselben Länder und Städte, da er wollte gewesen sein, schon längst an den Schuhen abgerissen hatte.
Die Studenten, so im Hause waren, die hießen ihn nicht anders als den Fremden und zwar aus den Ursachen, weil er wollte überall gewesen sein. Man denke nur, was der sappermentsche Kerl, der Fremde, vor abscheuliche große Lügen vorbrachte. Denn als ich ihn fragte, ob er auch was Rechts da und da zu Wasser gesehen und ausgestanden hätte, so gab er mir zur Antwort, wann er mirs gleich lange sagte, so würde ich einen Quark davon verstehen. O sapperment! wie verdroß mich das Ding von dem nichtswürdigen Bärenhäuter, daß er mir da von einem Quarke schwatzte; es fehlte nicht viel, so hätte ich ihm eine Presche gegeben, daß er flugs an der Tischecke hätte sollen kleben bleiben, so aber dachte ich, was schmeißt du ab, du willst ihn nur aufschneiden lassen und hören, was er weiter vorbringen wird. Ferner so fing der Fremde nun an, von Schiffahrten zu schwatzen. Nun kann ichs, der Tebel hol mer, nicht sagen, was der Kerl vor Wesens von den Schiffen machte und absonderlich von solchen Schiffen, die man nur Dreckschüten[71] nennt. Denn er erzählte seinen Schwestern mit großer Verwunderung, wie er bei abscheulichem Ungestüm und Wetterleuchten auf einer Dreckschüte mit zweitausend Personen von Holland nach England in einem Tage gefahren wäre und hätte keiner keinen Schuh naß gemacht. Worüber sich des Fremden seine Schwestern sehr verwunderten. Ich aber sagte hierzu nicht ein Wort, sondern mußte innerlich bei mir recht herzlich lachen, weil der Fremde so ein großes Wesen von der lumpigen Dreckschüte da erzählte. Ich mochte ihn nur nicht beschimpfen und auf seine Aufschneidereien antworten. Denn wenn der Kerl hätte hören sollen, wie daß ich mit meinem verstorbenen Bruder Grafen über hundert Meilen auf einem Brette schwimmen müssen, ehe wir einmal Land gerochen hätten, und wie daß auch einstmals ein einziges Brett unser fünfzig das Leben errettet: O sapperment! wie der Fremde die Ohren aufsperren sollen und mich ansehen! So aber dachte ich, du willst ihn immer aufschneiden lassen, warum sein die Menscher solche Narren und verwundern sich flugs so sehr über solchen Quark. Weiter erzählte der Fremde auch, wie er wäre in London gewesen und bei dem Frauenzimmer in solchem Ansehen gestanden, daß sich auch eine sehr vornehme Dame so in ihn verliebt hätte gehabt, daß sie keinen Tag ohne ihn leben können, denn wenn er nicht alle Tage wäre zu ihr gekommen, so hätte sie gleich einen Kammerjunker zu ihm geschickt, der hätte ihn auf einer Chaise de Roland mit elf gelben Rappen bespannt allemal holen müssen; und wenn er nun zu derselben vornehmen Dame gekommen wäre, so hätte sie ihm allzeit erstlich einen guten Rausch in Mastixwasser zugesoffen, ehe sie mit ihm von verliebten Sachen zu schwatzen angefangen. Er hätte es auch bei derselben Dame so weit gebracht, daß sie ihm täglich fünfzigtausend Pfund Sterling in Kommission gegeben, damit er nun anfangen mögen, was er nur selbsten gewollt. O sapperment! was waren das wieder vor Lügen von dem Fremden, und seine Schwestern, die glaubten ihm nun, der Tebel hol mer, alles miteinander. Die eine fragte ihn, wie viel denn ein Pfund Sterling an deutscher Münze wäre. So gab er zur Antwort, ein Pfund Sterling wäre nach deutscher Münze sechs Pfennige. Ei sapperment! wie verdroß mich das Ding von dem Kerl, daß er ein Pfund Sterling nur vor sechs Pfennige schätzte, da doch, der Tebel hol mer, nach deutscher Münze ein Pfund Sterling einen Schreckenberger macht, welches in Padua ein halber Batzen[72] ist. Über nichts kunnte ich mich innerlich so herzlich zulachen, als daß des Fremden sein kleiner Bruder sich immer so mit dreinmengte, wann der Fremde Lügen erzählte, denn derselbe wollte ihm gar kein Wort nicht glauben, sondern sagte allemal, wie er sich doch die Mühe nehmen könne, von diesen und jenen Ländern zu schwatzen, da er doch über eine Meile Weges von Padua nicht gekommen wäre. Den Fremden verschnupfte das Ding, er wollte aber nicht viel sagen, weils der Bruder war, doch gab er ihm dieses zur Antwort: »Du Junge verstehst viel von dem Taubenhandel«. Den kleinen Bruder verdroß das Ding auch, daß der Fremde ihn einen Jungen hieß und von dem Taubenhandel schwatzte, denn die Wetterkröte bildete sich auch ein, er wäre schon ein großer Kerl, weil er von dem sechsten Jahre an bis in das fünfzehnte schon den Degen getragen hatte. Er lief geschwind zur Mutter und klagte ihrs, daß ihn sein fremder Bruder einen Jungen geheißen hatte. Die Mutter verdroß solches auch und war hierauf her und gab ihm Geld, schickte ihn hin auf die Universität in Padua, daß er sich da mußte einschreiben lassen und ein Studente werden.