Nach dieser geschehenen Opera fuhr ich mit meiner Charmante auf den Jungfernstieg (wie es die Herren Hamburger nennen), denn es ist ein sehr lustiger Ort und liegt mitten in der Stadt Hamburg an einem kleinen Wasser, welches die Alster genannt wird, da stehen wohl zweitausend Linden und gehen alle Abend die vornehmsten Kavaliers und Damen der Stadt Hamburg dahin spazieren und schöpfen unter den Linden frische Luft. Auf demselben Jungfernstiege war ich mit meiner liebsten Charmante nun alle Abend da anzutreffen. Denn der Jungfernstieg und das Opernhaus war immer unser bester Zeitvertreib. Von der Belagerung Wiens spielte sich auch einmal eine Opera, welche vortrefflich zu sehen war. Ei sapperment! was schmissen die Türken vor Bomben in die Stadt Wien hinein; sie waren, der Tebel hol mer, noch zwanzigmal größer als wie die, welche in der gedachten Sternschanze zu Hamburg liegen. Wie sie aber von den Sachsen und Polacken dafür bezahlt worden, werden sie wohl am besten wissen. Denn es blieben wohl von den Türken über dreißigtausend Mann auf dem Platze, ohne die, welche gefangen genommen wurden und tödlich blessiert waren, so ich ohngefähr auch etwa auf achtzehn- bis zwanzigtausend Mann schätze, und vierzigtausend Mann warens gut, welche die Flucht nahmen. Ei sapperment! wie gingen die Trompeten da, wie die Stadt entsetzt war, ich will wetten, daß wohl über zweitausend Trompeter auf dem Dinge hielten und Viktoria bliesen. Mit dergleichen Lustigkeit vertrieben ich und meine Charmante damals täglich unsere Zeit in Hamburg. Was michs aber vor Geld gekostet, das will ich, der Tebel hol mer, niemand sagen, es gereut mich aber kein Heller, welchen ich mit der Charmante durchgebracht habe, denn es war ein vortrefflich schön Mensche, und ihr zu Gefallen hätte ich die Hosen ausziehen und versetzen wollen, wenns am Gelde hätte fehlen sollen, denn sie hatte mich überaus lieb und hieß mich nur ihren anmutigen Jüngling, denn ich war dazumal weit schöner als jetzo. Warum? Man wird ferner hören, wie mich die Sonne unter der Linie[20] so lästerlich verbrannt hat. Ja Hamburg, Hamburg, wenn ich noch dran gedenke, hat mir manche Lust gemacht.
Und ich wäre, der Tebel hol mer, wohl noch so bald nicht herausgekommen, ob ich gleich drei ganzer Jahre mich da umgesehen hatte, wenn mein Rückenstreicher mich nicht so unglücklich gemacht hätte. Welches zwar wegen meiner Liebsten, der Charmante, herkam, doch kunnte das gute Mensche auch nicht dafür, daß ich bei Nacht und Nebel durchgehen mußte. Denn ein brav Kerl muß sich nicht bravieren[21] lassen. Die ganze Sache war aber also beschaffen. Ich wurde mit meiner Charmante in eine lustige Gesellschaft gebeten und mußten an demselben vornehmen Orte, wo die Kompagnie war, des Abends mit da zu Gaste bleiben. Wie wir nun abgespeist hatten, war es schon sehr spät in die Nacht hinein; wir wurden auch gebeten, dazubleiben, allein meine Charmante wollte nicht da schlafen, der vornehme Mann aber, wo wir waren, ließ seine Karosse anspannen, dieselbe sollte uns nach unserm Quartier zu bringen, damit wir keinen Schaden nehmen möchten. Wie wir aber bald an den Pferdemarkt kamen, so bat mich meine Charmante, daß ich mit ihr noch ein halb Stündchen möchte auf den Jungfernstieg fahren, sie wollte nur sehen, was vor Kompagnie da anzutreffen wäre. Ich ließ mir solches gefallen und befahl dem Kutscher, daß er uns dorthin fahren sollte. Als wir aber durch ein enges Gäßchen nicht weit vom Jungfernstiege fahren mußten, fingen welche an zu wetzen[22] in derselben Gasse. Nun war ich Blut übel gewohnt, wenn mir einer vor der Nase herum in die Steine kriegelte, und hätte, der Tebel hol mer, zehnmal lieber gesehen, es hätte mir einer eine derbe Presche[23] gegeben, als daß er mir mit dergleichen Wetzen wäre aufgezogen kommen. Ich war her und sagte zu meiner Charmante, sie sollte nur mit dem Kutscher wieder umlenken und nach dem Quartier zu fahren, ich wollte sehen, wem dieser Affront[24] geschähe, und es stünde mir unmöglich an, daß man dem bravsten Kerl von der Fortune vor der Nase so herumwetzen sollte.
Meine Charmante aber wollte mich nicht von sich weglassen und meinte, ich möchte etwa zu Unglück kommen, allein ich sprang, ehe sie sichs versah, mit gleichen Beinen zur Kutsche heraus, hieß den Kutscher umlenken und marschierte da den Nachtwetzern nach, welche ich am Ende des engen Gäßchens noch antraf und zu ihnen anfing, welche wohl bei ihrer dreißig waren: Was habt ihr Bärenhäuter da zu wetzen? Die Kerls aber kamen mit ihren bloßen Degen auf mich hineingegangen und meinten, ich würde mich vor ihnen fürchten. Ich trat zwar einen Schritt zurück, und da kriegte ich meinen Rückenstreicher heraus. Ei sapperment! wie hieb und stach ich auf die Kerls hinein, es war, der Tebel hol mer, nicht anders, als wenn ich Kraut und Rüben vor mir hätte: ihrer fünfzehn blieben gleich auf dem Platze, ihrer etliche, die ich sehr beschädigt hatte, baten um gut Wetter und etliche die gaben Reißaus und schrien nach der Rädelwache.
Ei sapperment! als ich von der Rädelwache hörte, dachte ich, das Ding dürfte wohl nicht gut mit dir ablaufen, wenn die dich kriegen sollten; ich war her und marschierte immer spornstreichs nach dem Altonaischen Tore zu, da spendierte ich dem Torwärter einen ganzen Doppeltaler, daß er mich durch das Pförtchen mußte hinauslassen. Draußen setzte ich mich nun auf dieselbe Wiese, wo ich dem einen Staaten aus Holland die falsche Quinte durch den linken Ellbogen gestoßen hatte, und granste[25] da wie ein kleiner Junge Rotz und Wasser. Wie ich nun ausgegranst hatte, so stund ich auf, kehrte mich noch einmal nach der Stadt Hamburg zu, ob ich sie gleich im Finstern nicht sehen kunnte, und sagte: Nun gute Nacht, Hamburg, gute Nacht, Jungfernstieg, gute Nacht Opernhaus, gute Nacht Herr Bruder Graf und gute Nacht meine allerliebste Charmante, gräme dich nur nicht zu Tode, daß dein anmutiger Jüngling dich verlassen muß, vielleicht kriegst du ihn bald wiederum anderswo zu sehen. Hierauf ging ich im Dunkeln fort und immer weiter in die Welt hinein. Ich gelangte bei frühem Morgen in der Stadt Altona an, welche drei starke deutsche Meilen von Hamburg liegt, da kehrte ich in dem vornehmsten Wirtshause ein, welches zum Weinberge genannt wurde, worinnen ich einen Landsmann antraf, welcher in der Hölle[26] hinterm Kachelofen saß und hatte zwei vornehme Damens neben sich sitzen, mit welchen er in der Karte falsch spielte. Demselben gab ich mich zu erkennen und erzählte ihm, wie mirs in Hamburg gegangen wäre. Es war, der Tebel hol mer, ein brav Kerl auch, denn er war nur vor etlichen Tagen aus Frankreich gekommen und wartete allda bei dem Wirte im Weinberge auf einen Wechsel, welchen ihm seine Frau Mutter mit ehster Gelegenheit schicken würde. Er erzeigte mir sehr große Ehre, daß ichs, der Tebel hol mer, lebenslang werde zu rühmen wissen, und gab mir auch den Rat, ich sollte mich nicht lange in Altona aufhalten, denn wenns erfahren würde in Hamburg, daß der und der sich da aufhielte, welcher so viel Seelen kaput gemacht hätte, dürfte die Rädelwache, wenns gleich in einem andern Gebiete wäre, wohl nachgeschickt werden und mich lassen bei dem Kopfe nehmen. Welchem guten Rate ich auch folgte, und weil selben Tag gleich ein Schiff von da auf der See nach dem Lande Schweden zusegelte, dingte ich mich auf dasselbe, nahm von meinem Herrn Landsmanne Abschied und marschierte von Altona fort.
Wie mirs nun dazumal auf der See ging, was ich da und in dem Lande Schweden gesehen und erfahren habe, wird im folgenden Kapitel überaus artig zu vernehmen sein.
[7] feinem Benehmen.
[8] Leute von Adel.
[9] holländisch für Baumöl.
[10] Abgeordnete der Generalstaaten.