Das vierte Kapitel.
Von den
üblen Zufällen, welche ihren Ursprung
von dem Färben der Haare haben.
§. 23.
Einmal hat nun schon in Frankreich so wohl als in Deutschland das Vorurtheil in den Herzen beyder Landsleute so tiefe Wurzel gefaßt, und ich glaube, daß man alle Mühe verschwenden würde, wenn man diesen zweyen Nationen ihre einmal gefaßte Meynung ausreden wollte, zumal da sie solcher als einer ewigen Wahrheit anhängen, daß ein von Natur schwarzer Kopf eine recht ausnehmende Schönheit sey. Ob man aber aus einem andern Grunde, als aus einer bloßen Einbildung den schwarzen Haaren ein so großes Vorrecht zugestehe, mag ich eben nicht untersuchen: wenigstens halte ich dafür, daß die ganze Sache in nichts anders, als in einer verderbten Einbildungskraft bestehe, welche vielleicht darum die Oberhand behält, weil dieser Meynung sehr viele beypflichten, ohne daß sie sich deswegen die Mühe geben, eine genauere Untersuchung anzustellen. Ich muß also doch wohl Recht haben, wenn ich diese allzu große Hochschätzung der schwarzen Haare für ein eitles Vorurtheil ausgebe, und wenn ich denjenigen von Vorurtheilen eingenommen halte, welcher eine Sache als eine ungezweifelte Wahrheit annimmt, ohne zureichenden Grund darzu zu haben, oder angeben zu können. Ich kann mich ohnmöglich enthalten, solchen Leuten unter das Angesichte zu sagen, daß sie unbefederte Papegoye sind: gesetzt auch, daß sie dieserwegen eine Feindschaft auf mich werfen sollten. Was würde es mehr seyn, wenn ich die Anzahl meiner Feinde dadurch vermehre? Nichts, in Wahrheit nichts. Doch nein, ich irre, ich würde nur dadurch mehrere Gelegenheit über meine Feinde zu spotten bekommen: Denn
Wie werd ich mich an ihnen rächen!
Ihr ganzes Drohen schreckt mich nie:
Je schärfres Urtheil sie mir sprechen,
Je freyer spott ich über sie.
Ey! abermal ein Reimchen! wird man denken, ja ja man hat recht schön gedacht. Ich sehe es von selbst sehr wohl ein, daß ein guter Liederprediger an mir verdorben ist. O! was für Thränen würden nicht die alten Weiber vergossen haben, wenn ich ihnen solche schöne und herzbrechende Machtstoßkraftreimknittelgebetchen (ach mir will der Athem fehlen!) oft vorgesagt hätte?