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Er schlief in Einem fort, bis, da der frühe Hahn
Aurorens Rosenpferde wittert,
Ein wunderbarer Traum sein Innerstes erschüttert.
Ihm däucht, er geh' auf unbekannter Bahn,
Am Ufer eines Stroms, durch schattige Gefilde;
Auf einmahl steht vor ihm ein göttergleiches Weib,
Im großen Auge des Himmels reinste Milde,
Der Liebe Reitz um ihren ganzen Leib.

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Was er empfand ist nicht mit Worten auszudrücken,
Er, der zum ersten Mahl itzt Amors Macht empfand,
Und athemlos, entgeistert vor Entzücken,
Sein Leben ganz in seinen Blicken,
Im Boden eingewurzelt stand,
Sie noch zu sehen glaubt, nachdem sie schon verschwand,
Und, da der süße Wahn zuletzt vor ihm zerfließet,
Nichts mehr zu sehn die Augen sterbend schließet.

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Betäubt, in fühlbar'm Tod, lag er am Ufer da
In seinem Traum: als ihn bedünkt, er spüre
Daß eine warme Hand sein starres Herz berühre.
Und, wie vom Tod erweckt, erhob er sich und sah
Die Schöne abermahl zu seiner Seite stehen,
Die keiner Sterblichen in seinen Augen gleicht,
Und dreymahl schöner, wie ihm däucht,
Und holder als er sie zum ersten Mahl gesehen.

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Stillschweigend schauten sie einander beide an,
Mit Blicken, die sich das unendlich stärker sagten,
Was ihre Lippen noch nicht auszusprechen wagten.
Ihm ward in ihrem Aug' ein Himmel aufgethan,
Wo sich in eine See von Liebe
Die Seele taucht. Bald wird das Übermaß der Lust
Zum Schmerz: er sinkt im Drang der unaufhaltbar'n Triebe
In ihren Arm, und drückt sein Herz an ihre Brust.

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Er fühlt der Nymfe Herz an seinem Busen schlagen,
Der Glückliche! wie schnell, wie stark, wie warm!
Und—plötzlich hört es auf zu tagen,
Auf schwarzen Wolken rollt des Donners Feuerwagen,
Laut heulend bebt der Stürme wilder Schwarm;
Von unsichtbarer Macht wird schnell aus seinem Arm
Im Wirbelwind die Nymfe fortgerissen
Und in die Flut des nahen Stroms geschmissen.

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Er hört ihr ängstlich Schrey'n, will nach—o Höllenpein!
Und kann nicht! steht, entseelt vor Schrecken,
Starr wie ein Bild auf einem Leichenstein.
Vergebens strebt er, keicht, und ficht mit Arm und Bein;
Er glaubt in Eis bis an den Hals zu stecken,
Sieht aus den Wellen sie die Arme bittend strecken,
Und kann nicht schreyn, nicht, wie der Liebe Wuth
Ihn spornt, ihr nach sich stürzen in die Flut.

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Herr! ruft ihm Scherasmin, da er sein banges Schnauben
Vernimmt, erwacht, erwacht! ein böser Traum
Schnürt euch die Kehle zu.—Fort, Geister, macht mir Raum,
Schreyt Hüon, wollt ihr mir auch ihren Schatten rauben?
Und wüthend fährt er auf aus seinem Traumgesicht;
Noch klopft von Todesangst umfangen
Sein stockend Herz, er starrt ins Tageslicht
Hinaus, und kalter Schweiß liegt auf den bleichen Wangen.

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Das war ein schwerer Traum, ruft ihm der Alte zu:
Ihr lagt vermuthlich wohl zu lange auf dem Rücken?
Ein Traum? seufzt Siegwins Sohn mit minder wilden Blicken,
Das war's! allein ein Traum, der meines Herzens Ruh
Auf ewig raubt!—"Das wolle Gott verwehren,
Mein bester Herr!—Sag' mir im Ernste, (spricht
Der Ritter ernstvoll) glaubst du nicht
Daß Träume dann und wann der Zukunft uns belehren?

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Man hat Exempel, Herr,—und wahrlich, seit ich euch
Begleite, läugn' ich nichts, erwiedert ihm der Alte.
Doch, wenn ich euch die reine Wahrheit gleich
Gestehen soll, so sag' ich frey, ich halte
Nicht viel von Träumen. Fleisch und Blut
Hat, wenigstens bey mir, sein Spiel so oft ich träume:
Dieß wußten unsre Alten gut,
Und lehrten's uns im wohl bekannten Reime.

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Inzwischen, wenn ihr mir den Inhalt eures Traums
Vertrautet, könnt' ich euch vielleicht was bessers reimen.
Das will ich auch, spricht Hüon, ohne Säumen.
Kaum röthet noch den Gipfel jenes Baums
Der Morgenstrahl. Wir haben Zeit zum Werke.
Nur reiche mir zuvor den Becher her,
Damit ich meine Geister stärke:
Es liegt mir auf der Brust noch immer zentnerschwer.