9
Der Alte wiegt sein zweifelreiches Haupt,
Wie wenn man euch ein Wunderding erzählet,
Wovon ihr nichts im Herzen glaubt,
Wiewohl euch Grund es wegzuläugnen fehlet.
Was denkst du? fragt der Ritter.—Das ist's just
Was mich verlegen macht, versetzt der Unverliebte:
Ich hätte freylich wohl zu manchem Einwurf Lust;
Allein was hälf's am End', als daß ich euch betrübte?

10
Nur, vor der Hand, weil euer fürstlich Wort
Euch einmahl gegen Karl verbindet,
So, dächt' ich, setzten wir den Zug nach Bagdad fort.
Vielleicht daß unterwegs der Zauber wieder schwindet;
Vielleicht daß Oberon dabey sein bestes thut,
Und unversehens sich die Traumprinzessin findet.
Inzwischen, lieber Herr, thut euch die Hoffnung gut,
So hofft! Man macht dabey zum mindsten rothes Blut.

11
Weil dieß der Knappe spricht, steht mit gesenkter Stirne
Der Ritter da; denn plötzlich hatte sich
In seinem liebeskranken Hirne
Die Scene umgekehrt. Ach, spricht er, täusche mich
Nicht auch mit falschem Trost! Feindselige Gestirne
Sind über mir. Was kann ich hoffen? Sprich!
Der Sturm, der sie von meiner Brust gerissen,
Läßt, leider, mich zu viel von meinem Schicksal wissen.

12
Entrissen ward sie mir! Noch streckt sie aus der Flut
Die Arme gegen mich—noch stockt vor Angst mein Blut—
Und ach! wie an den Grund mit Ketten
Geschmiedet, stand ich da, ohnmächtig sie zu retten!
Das war im Traum, spricht Scherasmin: wofür
Euch ohne Noth mit schwarzer Ahnung grämen?
Ein Traum läßt nie von Art. Das beste, glaubet mir,
Ist's, sich daraus nur was uns freut zu nehmen.

13
Daß euch im Traum ein wohl gewogner Geist
Die künft'ge Königin von euerm Herzen weist,
Das hat er gut gemacht! So etwas läßt sich glauben,
Und kurz, wir nehmen's nun für bare Wahrheit an.
Allein den Strom, den Wirbelwind, die Schrauben
An Hand und Fuß, die hat der Traum hinzu gethan.
Mir selbst ist oft in meinen jüngern Jahren,
Wenn mich der Alp gedrückt, dergleichen widerfahren.

14
Da, zum Exempel, läuft ein schwarzer Zottelbär,
Indem ich wandeln geh', der Himmel weiß woher,
Mir in den Weg; ich greif' im Schrecken nach dem Degen
Und zieh', und zieh'—umsonst! Ein plötzlich Unvermögen
Strickt jede Sehne mir in allen Gliedern los;
Zusehens wird der Bär noch siebenmahl so groß,
Sperrt einen Rachen auf so gräßlich wie die Hölle;
Ich flieh' und ängst'ge mich, und kann nicht von der Stelle.

15
Ein andermahl, wenn ihr von einem Abendschmaus
Nach Haus zu gehen träumt, bey einem alten Gaden
Vorbey; auf einmahl knarrt ein kleiner Fensterladen,
Und eine Nase guckt heraus
So lang als euer Arm. Ihr sucht, halb starr vor Schrecken,
Ihr zu entfliehn, und vorn und hinten stehn
Gespenster da, die ins Gesicht euch sehn,
Und feur'ge Zungen weit aus langen Hälsen recken.

16
Ihr drückt in Todesangst euch seitwärts an die Wand
Die gegenüber steht—und eine dürre Hand
Fährt durch ein rundes Loch euch eiskalt übern Rücken,
Und sucht an euch herum, euch da und dort zu zwicken.
Ein jedes Haar auf euerm Kopfe kehrt
Die Spitz' empor, zur Flucht ist jeder Weg verwehrt,
Die Gasse wird zusehens immer enger,
Stets frostiger die Hand, die Nase immer länger.

17
Dergleichen, wie gesagt, begegnet oft und viel;
Allein, am End' ist's doch ein bloßes Possenspiel,
Das Nachtgespenster sich in unserm Schädel machen;
Die Nase sammt der Angst verschwindet im Erwachen.
Ich dächt' an euerm Platz dem Ding nicht weiter nach,
Und hielte mich an das, was mir der Zwerg versprach.
Frisch auf! Mir ahnet was! Es müßte übel enden,
Wenn wir die Dame nicht in Bagdad wiederfänden.

18
Bey diesem Worte springt der Ritter, angeweht
Von frischem Muth, empor, als hätt' ihm nichts geträumt.
Der Morgenluft entgegen wiehernd, steht
Sein Renner schon gesattelt und gezäumet.
Er schwingt sich auf, und wie er aus dem Feld
Zurücke schaut, verschwunden ist das Zelt:
In einem Wink erhob sich's aus dem Rasen,
In einem Wink war alles weggeblasen.