19
Sie zogen nun dem Lauf des hohen Eufrats nach,
Von Palmen und Gebüsch vorm Sonnenstrahl geborgen,
Durchs schönste Land der Welt, stillschweigend, keiner sprach
Ein Wort, wiewohl's an Stoff zum Reden nicht gebrach;
Denn jeder war vertieft in andre Sorgen.
Die reine Luft, der angenehme Morgen,
Der Vögel Lustgesang, des Stromes stiller Lauf,
Weckt beider Fantasie aus leisem Schlummer auf.

20
Der Ritter sieht in ihrem Zauberspiegel
Nichts sehenswerth als das geliebte Bild.
Er mahlt die Göttin sich auf seinen blanken Schild,
Erklimmt auf ihrer Spur des Taurus schroffsten Hügel,
Steigt, sie erfragend, bis in Merlins furchtbars Grab,
Bekämpft die Riesen und die Drachen,
Die um das Schloß, worin sie schmachtet, wachen,
Und kämpfte sie der ganzen Hölle ab.

21
Indessen er, in eingebildeter Wonne,
Die schwer errungne Braut an seinen Busen drückt,
Sieht unvermerkt ans Ufer der Garonne,
Wo er als Kind den ersten Strauß gepflückt,
Von Eufrats Ufern weg der Alte sich verzückt.
Nein, denkt er, nirgends scheint doch unsers Herrgotts Sonne
So mild als da, wo sie zuerst mir schien,
So lachend keine Flur, so frisch kein andres Grün!

22
Du kleiner Ort, wo ich das erste Licht gesogen,
Den ersten Schmerz, die erste Lust empfand,
Sey immerhin unscheinbar, unbekannt,
Mein Herz bleibt ewig doch vor allen dir gewogen,
Fühlt überall nach dir sich heimlich hingezogen,
Fühlt selbst im Paradies sich doch aus dir verbannt;
O möchte wenigstens mich nicht die Ahnung trügen,
Bey meinen Vätern einst in deinem Schooß zu liegen!

23
In solcher Träumerey schwind't unvermerkt der Raum
Der sie von Bagdad trennt, bis itzt die Mittagshitze
In einen Wald sie treibt, der vor der Gluth sie schütze.
Noch ruhten sie um einen alten Baum,
Wo dichtes Moos sich schwellt zum weichen Sitze,
Und Oberons Pokal erfrischt den trocknen Gaum;
Als, eben da er sich zum dritten Mahle füllet,
Ein gräßliches Geschrey in ihre Ohren brüllet.

24
Sie springen auf. Der Ritter faßt sein Schwert
Und fleugt dahin, woher die Zetertöne schallen!
Und sieh! ein Sarazen zu Pferd,
Von einem Löwen angefallen,
Kämpft aus Verzweiflung noch, erschöpft an Kraft und Muth,
Mit matter Faust. Schon taumelt halb zerrissen
Sein Roß, und wälzt mit ihm in einem Strom von Blut
Sich um, und hat vor Angst die Stange durchgebissen.

25
Grimmschnaubend stürzt der Löw' auf seinen Gegner los,
Aus jedem Blick schießt eine Feuerflamme.
Indem fährt Hüons Stahl ihm seitwärts in die Wamme.
Der Thiere Fürst, den solch ein Gruß verdroß,
Erwiedert ihn mit einer langen Schramme,
Nach der des Ritters Blut aus tausend Quellchen floß:
Hätt' Angulaffers Ring nicht über ihm gewaltet,
Ihn hätt' auf Einen Zug der Löw' entzwey gespaltet.

26
Herr Hüon rafft, was er an Kraft vermag,
Zusammen, (denn sein Tod blitzt aus des Löwen Blicke)
Und stößt sein kurzes Schwert mit Macht ihm ins Genicke.
Vergebens schwingt sich noch der Schweif zu einem Schlag,
Von dem, wofern der Ritter nicht zurücke
Gesprungen wär', er halb zerschmettert lag;
Vergebens dräuet noch die fürchterliche Tatze;
Ein Streich von Scherasmin erlegt ihn auf dem Platze.

27
Der Sarazen (den reichen Steinen nach,
Die hoch auf seinem Turban blitzen,
Ein Mann von Wichtigkeit) schien noch vor Angst zu schwitzen.
Die Ritter führen ihn am Arme ganz gemach
Den Räumen zu, in deren Schirm sie lagen;
Man reicht zur Stärkung ihm den goldnen Becher dar,
Und auf Arabisch spricht der Alte: Herr, fürwahr,
Ihr habt dem Gott der Christen Dank zu sagen!

28
Mit schelem Auge nimmt der Held' aus Hüons Hand
Den Becher voll, und wie er an der Lippen Rand
Ihn bringt, versiegt der Wein, und glühend wird der Becher
In seiner Faust, der innern Schalkheit Rächer!
Er schleudert ihn laut brüllend weit von sich,
Und stampft, und tobt, und lästert fürchterlich.
Herr Hüon, dem es graut ihm länger zuzuhören,
Zieht sein geweihtes Schwert, den Helden zu bekehren.