39
Dem Fürsten dünkt, er hab' in seiner Lebenszeit
Nie so vergnüglich Mahl gehalten.
Was der Bewirthung fehlt, ersetzt der guten Alten
Vertrauliche Geschwätzigkeit.
Die Herren, spricht sie, kommen eben
Zu einem großen Fest.—"Wie so?"—Ihr wißt es nicht?
Es ist das einz'ge doch was man in Bagdad spricht;
Die Tochter unsers Herrn wird morgen ausgegeben.
40
"Des Sultans Tochter? Und an wen?"
Der Bräutigam ist einer von den Neffen
Des Sultans, Fürst der Drusen, reich und schön,
Und auf dem Schachbret soll ihn keiner übertreffen;
Mit Einem Wort, ein Prinz, den alle Welt
Der schönen Rezia vollkommen würdig hält.
Und doch—gesagt im engesten Vertrauen—
Sie ließe lieber sich mit einem Lindwurm trauen.
41
Das nenn' ich wunderlich, versetzt der Paladin,
Ihr werdet's uns so leicht nicht glauben machen.
"Ich sag' es noch einmahl, eh' die Prinzessin ihn
So nahe kommen läßt, umarmt sie einen Drachen,
Da bleibt's dabey!—Mir ist von langer Hand
Das Wie und Wann der Sache wohl bekannt.
Zwar hab' ich reinen Mund gar hoch versprechen müssen;
Doch, gebt mir eure Hand, so sollt ihr alles wissen.
42
"Es wundert euch vielleicht, wie eine Frau, wie ich,
Zu solchen Dingen kommt, die selbst dem Fürstenstamme
Verborgen sind und sonsten männiglich?
So wisset denn, ich bin die Mutter von der Amme
Der schönen Rezia, bey der sie alles gilt,
Wiewohl schon sechzehn volle Jahre
Verflossen sind, seit Fatme sie gestillt;
Nun merkt ihr leicht, woher ich manchmahl was erfahre.
43
"Man weiß, daß schon seit Jahren der Kalif,
Auf seine Tochter stolz, nicht selten
An Festen, die er gab, sie mit zur Tafel rief,
Wo schöner Männer viel sich ihr vor Augen stellten.
Allein auch das weiß Stadt und Land,
Daß keiner je vor ihr besonders Gnade fand;
Sie schien sie weniger mit mädchenhaftem Grauen
Als mit Verachtung anzuschauen.
44
"Indessen ward geglaubt, sie könne Babekan
(So heißt der Prinz, den sich zum Tochtermann
Der Sultan auserwählt) vor allen andern leiden.
Nicht, daß beym Kommen oder Scheiden
Das Herz ihr höher schlug; ihn nicht mit Fleiß zu meiden
War wohl das höchste, was er über sie gewann:
Allein, sie war doch sonst für niemand eingenommen;
Die Liebe, dachte man, wird nach der Hochzeit kommen.
45
"Jedoch, seit einem Zwischenraum
Von wenig Wochen, hat sich alles umgekehret.
Seitdem kann Rezia den armen Prinzen kaum
Vor Augen sehn. Ihr ganzes Herz empöret
Sich, wenn sie nur von Hochzeit reden höret;
Und, was unglaublich ist, so hat ein bloßer Traum
Die Schuld daran."—Ein Traum? ruft Hüon ganz in Feuer;
Ein Traum? ruft Scherasmin, welch seltsam Abenteuer!
46
Ihr träumte, fährt die Alte fort,
Sie werd' in Rehgestalt an einem wilden Ort
Von Babekan gejagt. Sie lief, von zwanzig Hunden
Verfolgt, in Todesangst herab von einem Berg;
Ihm zu entfliehen war die Hoffnung schon verschwunden!
Da kam ein wunderschöner Zwerg
In einem Faëton, den junge Löwen zogen,
In vollem Sprung entgegen ihr geflogen.
47
Der Zwerg in seiner kleinen Hand
Hielt einen blüh'nden Lilienstängel,
Und ihm zur Seite saß ein fremder junger Fant,
In Ritterschmuck, schön wie ein barer Engel;
Sein blaues Aug' und langes gelbes Haar
Verrieth, daß Asien nicht sein Geburtsland war;
Doch, wo er immer hergekommen,
Genug, ihr Herzchen ward beym ersten Blick genommen.
48
Der Wagen hielt. Der Zwerg mit seinem Lilienstab
Berührte sie; stracks fiel die Rehhaut ab:
Die schöne Rezia, auf ihres Retters Bitten,
Stieg in den Wagen ein, und setzt' erröthend mitten
Sich zwischen ihn und den, dem sich ihr Herz ergab,
Wiewohl noch Lieb' und Scham in ihrem Busen stritten.
Der Wagen fuhr nun scharf den Berg hinan,
Und stieß vor einen Stein, und sie erwachte dran.