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Auf einmahl blitzen hundert Klingen
In Hüons Aug', und kaum erhascht er noch,
Eh' sie im Sturm auf ihn von allen Seiten dringen,
Sein hingeworfnes Schwert. Er schwingt es dräuend. Doch
Die schöne Rezia, von Lieb' und Angst entgeistert,
Schlingt einen Arm um ihn, macht ihre Brust zum Schild
Der seinigen—der andre Arm bemeistert
Sich seines Schwerts. Zurück, Verwegne, schreyt sie wild.
44
Zurück! es ist kein Weg zu diesem Busen
Als mitten durch den meinen! ruft sie laut;
Und ihr, noch kaum so sanft wie Amors holde Braut,
Giebt die Verzweiflung itzt die Augen von Medusen.
Vermeßne, haltet ein, ruft sie den Emirn zu,
Zurück!—O schone sein, mein Vater! und, o du,
Den zum Gemahl das Schicksal mir gegeben,
O spart mein Blut in euer beider Leben!
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Umsonst! des Sultans Wuth und Dräun
Nimmt überhand, die Heiden dringen ein.
Der Ritter läßt sein Schwert vergebens blitzen,
Noch hält ihm Rezia den Arm. Ihr ängstlich Schreyn
Durchbohrt sein Herz. Was bleibt ihm sie zu schützen
Noch übrig, als sein Horn von Elfenbein?
Er setzt es an den Mund, und zwingt mit sanftem Hauche
Den schönsten Ton aus seinem krummen Bauche.
46
Auf einmahl fällt der hoch gezückte Stahl
Aus jeder Faust; in raschem Taumel schlingen
Der Emirn Hände sich zu tänzerischen Ringen;
Ein lautes Hussa schallt Bacchantisch durch den Sahl,
Und jung und Alt, was Füße hat, muß springen;
Des Hornes Kraft läßt ihnen keine Wahl:
Nur Rezia, bestürzt dieß Wunderwerk zu sehen,
Bestürzt und froh zugleich, bleibt neben Hüon stehen.
47
Der ganze Divan dreht im Kreis
Sich schwindelnd um; die alten Bassen schnalzen
Den Takt dazu; und, wie auf glattem Eis,
Sieht man den Imam selbst mit einem Hämmling walzen.
Noch Stand noch Alter wird gespart;
Sogar der Sultan kann der Lust sich nicht erwehren,
Faßt seinen Großwessir beym Bart,
Und will den alten Mann noch einen Bockssprung lehren.
48
Die nie erhörte Schwärmerey
Lockt bald aus jedem Vorgemache
Der Kämmerlinge Schaar herbey,
Sodann das Frauenvolk, und endlich gar die Wache.
Sie all' ergreift die lust'ge Raserey:
Der Zaubertaumel setzt den ganzen Harem frey;
Die Gärtner selbst in ihren bunten Schürzen
Sieht man sich in den Reihn mit jungen Nymfen stürzen.
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Als eine, die kaum ihren Augen glaubt,
Steht Rezia, des Athems fast beraubt.
Welch Wunder! ruft sie aus; und just in dem Momente,
Wo nichts als dieß uns beide retten könnte!
Ein guter Genius ist mit uns, Königin,
Versetzt der Held. Indem kommt durch die Haufen
Der Tanzenden sein treuer Scherasmin
Mit Fatmen gegen sie gelaufen.
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Kommt, keicht er, lieber Herr! Wir haben keine Zeit
Dem Tanzen zuzusehn; die Pferde stehn bereit,
Die ganze Burg ist toll, die Thüren alle offen
Und unbewacht; was säumen wir?
Auch hab' ich unterwegs Frau Fatmen angetroffen,
Zur Flucht bepackt als wie ein lastbar Thier.
Sey ruhig, spricht der Held, noch ist's nicht Zeit zu gehen,
Erst muß das Schwerste noch geschehen.
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Die schöne Rezia erblaßt bey diesem Wort;
Ihr ängstlich Auge scheint zu fragen und zu bitten:
"Warum verziehn? warum am steilen Bord
Des Untergangs verziehn? O laß mit Flügelschritten
Uns eilen, eh' der Taumelgeist zerrinnt,
Der unsrer Feinde Sinne bind't!"
Doch Hüon, unbewegt, begnüget sich, mit Blicken
Voll Liebe ihre Hand fest an sein Herz zu drücken.
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Allmählich ließ nunmehr die Kraft des Hornes nach;
Die Köpfe schwindelten, die Beine wurden schwach,
Kein Faden war an allen Tänzern trocken,
Und, in der athemlosen Brust
Geschwellt, begann das dicke Blut zu stocken.
Zur Marter ward die unfreywill'ge Lust.
Durchnäßt, als stieg' er gleich aus einer Badewanne,
Schwankt der Kalif auf seine Ottomanne.