63
Indeß, an Kraft und Schönheit einem Boten
Des Himmels gleich, der jugendliche Held,
Uneingedenk der Lanzen, die ihm drohten,
So mannhaft spricht, so muthig dar sich stellt:
Beugt Rezia von fern, mit glühend rothen
Entzückten Wangen, liebevoll
Den schönen Hals nach ihm, doch schaudernd, wie der Knoten
Von all' den Wundern sich zuletzt entwickeln soll.

64
Herr Hüon hatte kaum das letzte Wort gesprochen,
So fängt der alte Schach wie ein Beseßner an
Zu schrey'n, zu stampfen und zu pochen,
Und sein Verstand tritt gänzlich aus der Bahn.
Die Helden all' in tollem Eifer springen
Von ihren Sitzen auf mit Schnauben und mit Dräun,
Und Lanzen, Säbel, Dolche dringen
Auf Mahoms Feind von allen Seiten ein.

65
Doch Hüon, eh' sie ihn erreichen, reißt in Eile
Der Männer einem rasch die Stange aus der Hand,
Schlägt um sich her damit als wie mit einer Keule,
Und zieht, stets fechtend, sich allmählich an die Wand.
Ein großer goldner Napf, vom Schenktisch weggenommen,
Dient ihm zugleich als Schild und als Gewehr;
Schon zappeln viel am Boden um ihn her,
Die seinem Grimm zu nah gekommen.

66
Der gute Scherasmin, der an der Thüre fern
Zum Schutz der Schönen steht, glaubt seinen ersten Herrn
Im Schlachtgedräng zu sehn, und überläßt voll Freude
Sich einen Augenblick der süßen Augenweide:
Doch bald zerstreut den angenehmen Wahn
Des Fräuleins Angstgeschrey; er sieht der Helden Rasen,
Sieht seines Herrn Gefahr, setzt flugs das Hifthorn an
Und bläst, als läg' ihm ob die Todten aufzublasen.

67
Die ganze Burg erschallt davon und kracht;
Und stracks verschlingt den Tag die fürchterlichste Nacht,
Gespenster lassen sich wie schnelle Blitze sehen,
Und unter stetem Donner schwankt
Des Schlosses Felsengrund. Der Heiden Herz erkrankt;
Sie taumeln Trunknen gleich, Gehör, Gesicht vergehen,
Der schlaffen Hand entglitschen Schwert und Speer,
Und gruppenweis' liegt alles starr umher.

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Der Sultan, übertäubt von so viel Wunderdingen,
Scheint mit dem Tod den letzten Kampf zu ringen;
Sein Arm ist nervenlos, sein Athem schwer,
Sein Puls schlägt matt, und endlich gar nicht mehr.
Auf einmahl schweigt der Sturm; ein lieblich säuselnd Wehen
Erfüllt den Sahl mit frischem Lilienduft,
Und, wie ein Engelsbild ob einer Todtengruft,
Läßt Oberon sich itzt auf einem Wölkchen sehen.

69
Ein lauter Schrey des Schreckens und der Lust
Entfährt der Perserin; ein unfreywillig Grauen
Bekämpft in ihr das schüchterne Vertrauen.
Die Arme über ihre Brust
Gefaltet, steht sie glühend neben
Dem Jüngling da, dem sie ihr Herz gegeben,
Und wagt, der süßen Schuld jungfräulich sich bewußt,
Zu ihrem Retter kaum die Augen aufzuheben.

70
Gut, Hüon, spricht der Geist, du hast dein Ehrenwort
Gelöst, ich bin mit dir zufrieden.
Zum Ritterdank ist dir dieß schöne Weib beschieden!
Doch, eh' ihr euch entfernt von diesem Ort,
Bedenke Rezia, wozu sie sich entschließet,
Eh' sie vielleicht mit unfruchtbarer Reu
Die rasche Wahl verführter Augen büßet!
Zu bleiben oder gehn läßt ihr das Schicksal frey.

71
So vieler Herrlichkeit entsagen,
Verlassen Hof und Thron, dem sie geboren ward,
Um sich, auf ungewisse Fahrt,
Ins weite Meer der Welt mit einem Mann zu wagen;
Zu leben ihm allein, mit ihm den Unbestand
Des Erdenglücks, mit ihm des Schicksals Schläge tragen,
(Und ach! oft kommt der Schlag von einer lieben Hand!)
Da lohnt sich's wohl, vorher sein Herz genau zu fragen.

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Noch, Rezia, wenn dich die Wage schreckt,
Noch steht's bey dir den Wunsch der Liebe zu betrügen.
Sie schlummern nur, die hier als wie im Grabe liegen;
Sie leben wieder auf, so bald mein Stab sie weckt.
Der Sultan wird dir gerne, was geschehen,
Verzeihn, trotz dem was er dabey verlor,
Und Rezia wird wieder wie zuvor
Von aller Welt sich angebetet sehen.