83
Ein neuer Wonnetraum, ein seliges Entzücken
Ins Paradies, dünkt sie ihr gegenwärt'ger Stand;
Sie können nichts, als stumm, mit nimmer satten Blicken,
Sich anschaun, eins des andern warme Hand
Ans volle Herz in süßer Inbrunst drücken,
Und, während Himmel und Erd' aus ihren Augen schwand,
Und sie allein noch übrig waren, fragen:
Ist's, oder träumt uns noch? Sind wir in Einem Wagen?
84
"So war's kein Traum als ich im Traum dich sah?
(Rief jedes aus) So war es Rezia?
War's Hüon? und ein Gott hat dich mich finden lassen?
Du mein?—ich dein?—Wer durft' es hoffen, wer?
So wundervoll vereint, uns nimmer nimmermehr
Zu trennen? Kann das Herz so viele Wonne fassen?"
Und dann von neuem stets einander angeblickt,
Von neuem Hand um Hand an Mund und Herz gedrückt!
85
Vergebens hüllt die Nacht mit dunstbeladnen Flügeln
Den Luftkreis ein; dieß hemmt der Liebe Sehkraft nicht:
Aus ihren Augen strahlt ein überirdisch Licht,
Worin die Seelen selbst sich in einander spiegeln.
Nacht ist nicht Nacht für sie; Elysium
Und Himmelreich ist alles um und um;
Ihr Sonnenschein ergießet sich von innen,
Und jeder Augenblick entfaltet neue Sinnen.
86
Allmählich wiegt die Wonnetrunkenheit
Das volle Herz in zauberischen Schlummer;
Die Augen sinken zu, die Sinne werden stummer,
Die Seele dünkt vom Leibe sich befreyt,
In Ein Gefühl beschränkt, so fest von ihm umschlungen!
So inniglich von ihm durchathmet und durchdrungen!
Beschränkt in Eins, in diesem Einen bloß
Sich fühlend—Aber, o dieß Eins, wie grenzenlos!
Sechster Gesang.
1
Kaum fing Aurora an die Schatten zu verjagen,
Und schloß dem Tag mit ihrer Rosenhand
Die Pforten auf, so hielt der Schwanenwagen,
Nicht weit vom seebespülten Strand
Von Askalon, im Schirm von hohen Palmenbäumen,
Auf einmahl still. Ein sanfter Stoß
Weckt unser doppelt Paar, dieß aus des Schlummers Schooß,
Und jenes aus der Liebe wachen Träumen.
2
In süßem Schrecken bebt die Sultanstochter auf,
Indem zum ersten Mahl, vom Morgen angestrahlet,
Das Weltmeer grenzenlos sich in ihr Auge mahlet.
Voll Wunders schweift in ungehemmtem Lauf
Der ausgedehnte Blick auf diesen Wasserhöhen;
Die Unermeßlichkeit scheint vor ihr aufgethan:
Doch, mitten in der Lust kommt sie ein Schaudern an,
Im Unermeßlichen sich selbst so klein zu sehen.
3
Ein grauer Flor umnebelt ihren Blick.
Wo bin ich? ruft sie. Doch, Herr Hüon, der am Wagen
Mit offnen Armen steht ins Grüne sie zu tragen,
Bringt den verschwebten Geist schnell zu sich selbst zurück.
Sey, spricht er, ohne Furcht, mein Leben,
(Indem er seinen Mund von Lieb' und Sehnsucht warm
Auf ihren Busen drückt, den stille Seufzer heben)
Sey ohne Furcht, du bist in meinem Arm.
4
Mit Wonne fühlt sie sich itzt wieder ganz umgeben
Von ihrer Liebe, ganz in seinen Arm versenkt,
Und junger Efeu kann am Stamm nicht brünst'ger kleben
Als sie um seinen Leib die runden Arme schränkt.
So eilt er mit der süßen Beute
Den Palmen zu; setzt dann auf weiches Moos
Sie in den Schatten hin, sich selbst an ihre Seite,
Und tauschte seinen Platz um keines Sultans Loos.
5
Bald findet auch mit Fatme sich bey ihnen
Sein Alter ein, entschlossen, er und sie,
Bis auf den letzten Hauch dem lieben Paar zu dienen.
Kaum hatte Scherasmin im Grünen
Bey seinem Herrn, und Fatme nah am Knie
Der jungen Dame Platz genommen,
Schnell, wie ein Blitz der Fantasie,
Kam durch die Luft der schöne Zwerg geschwommen.