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Ein sanfter Druck der warmen Hand,
Ein Seufzer, der das volle Herz entladet,
Ein leiser Kuß, der Rosenwang' entwandt,
Und, o ein Blick, in Amors Thau gebadet,
Was überzeugt, gewinnt und rührt wie dieß?
Was geht so schnell, trotz dem behendsten Pfeile,
Von Herz zu Herz, trifft so gewiß
Den Zweck, und macht so wenig lange Weile?
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In Seelgesprächen dieser Art
Verlor das Wortgespräch sich stets bey unsern beiden.
Oft schlichen sie, um Zeugen zu vermeiden,
In ihr Gemach, und standen da gepaart
Am offnen Fenster, oder saßen
Auf ihrem Sofa. Doch, auch dann nicht ganz allein;
Die Amme wenigstens muß stets zugegen seyn;
Denn Hüon selber bat ihn nie allein zu lassen.
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Noch immer wiederhallt der schreckenvolle Ton
Des strengen "laßt euch nicht gelüsten"
In seinem Ohr; denn wißt, sprach Oberon,
Daß wir uns sonst auf ewig trennen müßten.
Wie meinte das der Geist? Es war ein tiefer Sinn
In seinem Blick, der immer ernster, immer
Bewölkter ward; ach! Thränen schwammen drin,
Und sein Gesicht verlor den sonst gewohnten Schimmer.
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Dieß schwellt mit Ahnungen des guten Ritters Herz.
Er traut sich selbst nicht mehr; der Liebe leichtster Scherz
Erweckt die Furcht, ob Oberon ihn verdamme.
Indessen frißt die eingeschloßne Flamme
Sich immer tiefer ein. Die Luft, worin er lebt,
Ist Zauberluft, weil Rezia sie theilet;
Ihr Athem weht darin, ihr holder Schatten schwebt
Um jeden Gegenstand, auf dem sein Auge weilet.
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Und, o Sie selbst glänzt ihn im Morgenlicht,
Im Abendroth, im sanften Schattentage
Des Mondes an. In welcher schönen Lage,
In welcher Stellung reitzt ihr Nymfenwuchs ihn nicht?
Der Schleier, der vor allen fremden Augen
Sie dicht umhüllt, fällt im Gemach zurück,
Erlaubt sogar dem furchtsam kühnen Blick
Sich, Bienen gleich, in Hals und Busen einzusaugen.
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Er fühlt die süße Gefahr. O, soll es möglich seyn,
Du Schönste, ruft er oft, bis Rom es auszuhalten,
So wickle dich in sieben Schleier ein!
Verstecke jeden Reitz in tausend kleine Falten;
Laß über dieses Arms lebend'ges Elfenbein
Die weiten Ärmel bis zur Fingerspitze fallen,
Und ach! Freund Oberon, vor allen
Verwandle bis dahin mein Herz in kalten Stein!
22
Es war, wiewohl ihm oft die Kräfte schier versagen,
Des Ritters ganzer Ernst, den Sieg davon zu tragen
In diesem Kampf. Es däucht' ihn groß und schön
Das schwerste Abenteu'r der Tugend anzugehn,
Schon groß und schön, es nur zu wagen,
Und zehnfach schön und groß, es rühmlich zu bestehn.
Allein, die Möglichkeit so einen Feind zu dämpfen,
Der immer stärker wird, je mehr wir mit ihm kämpfen?
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Nichts ist, was diesem Feind so bald gewonnen giebt,
Als bey der Schönen, die man liebt,
Sich dem Gefühl stillschweigend überlassen.
Zum Glück erinnert sich Herr Hüon seiner Pflicht,
Nach ritterlichem Brauch, sich mit dem Unterricht
Der Sultanstochter zu befassen.
Denn ach! das arme Kind lag noch im Heidenthum,
Und glaubt' an Mahomed, unwissend zwar warum.
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Der Ritter, sie von dieser Pest zu heilen,
Eilt was er kann, (die Liebe hieß ihn eilen)
Sein Bißchen Christenthum der Holden mitzutheilen.
An Eifer gab er keinem Märt'rer nach;
Er war an Glauben stark, wiewohl an Kenntniß schwach,
Und die Theologie war keineswegs sein Fach;
Sein Pater und sein Credo, ohne Glossen,
In diesen Kreis war all sein Wissen eingeschlossen.
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Doch was vielleicht an Licht und Gründlichkeit
Der Lehre fehlt, ersetzt des Lehrers Feuer:
Herr Hüon, standsgemäß ein Feind von Wörterstreit,
Handhabt das Werk gleich einem Abenteuer,
Und was er glaubt, beschwört er hoch und theuer,
Erbötig, dessen Richtigkeit
Dem ganzen Heidenthum mit seinem blanken Eisen
Zu Wasser und zu Land handgreiflich zu erweisen.