26
Groß ist in des Geliebten Mund
Der Wahrheit Kraft; das Herz, voraus mit ihm in Bund,
Horcht ihm mit Lust und lehrbegier'gem Schweigen.
Was ist so leicht zu überzeugen
Als Liebe? Ein Blick, ein Kuß ist ihr ein Glaubensgrund.
Die Schöne, ohne sich in Fragen zu versteigen,
Glaubt ihrem Hüon nach, und macht in kurzer Zeit
Ihr Kreuz an Stirn und Brust mit vieler Fertigkeit.
27
Das heil'ge Bad der Christen zu empfangen
Stand nun (wie unser Held in seiner Einfalt meint)
Ihr weiter nichts im Weg. Ihr ist's, um vor Verlangen
Zu brennen, schon genug, daß er darnach zu bangen
Und jedes Augenblicks Verzug zu hassen scheint.
Ein Jünger Sankt Basils, ein großer Heidenfeind,
der sich im Schiffe fand, wird leicht gewonnen, ihnen
Für die Gebühr hierin mit seinem Amt zu dienen.
28
Die schöne Rezia, die nun Amanda hieß
Seitdem sie in den Christenorden
Getreten war, gewann nicht nur das Paradies,
Sie schien dadurch sogar noch eins so schön geworden.
Allein von Hüon wich zur Stunde sichtbarlich
Sein guter Geist. Es war, im Taumel des Entzückens,
Des Herzens und des Händedrückens
Kein End'. Umsonst zerwinkt der treue Alte sich;
29
Vergebens stellt sich Fatme gegenüber:
Der gute Paladin in seinem Seelenfieber
Vergißt des Zwergs, der Warnung, der Gefahr.
Der Alte hätte sich zu Tode winken können,
Die Wonn', in die er ganz versunken war,
Sie, deren Kuß nun Engel selbst ihm gönnen,
Zu drücken an sein Herz, Amanda sie zu nennen,
Umnebelt seinen Blick, berauscht ihn ganz und gar.
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Auch Rezia, seitdem sie von Amanden
Den Nahmen eingetauscht, glaubt freyer von den Banden
Des Zwangs zu seyn, ist nicht mehr Rezia, vergißt
Nun desto leichter Königswürde,
Hof, Vaterland, und kurz, was nicht Amanda ist.
Die Rückerinnerung, die sonst wie eine Bürde
Zuweilen noch an ihrem Nacken hing,
Fiel mit dem Nahmen ab, den sie im Tausch empfing.
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Sie ist nun ganz für Hüon neu geboren,
Gab alles, was sie war, für ihn,
Gab einen Thron um Liebe hin,
Und fühlt' in seinem Arm, sie habe nichts verloren.
Sie gab sich weg, und ist Amande, nun
Für Liebe nur, durch Liebe nur zu leben,
Hat in der Welt nichts andres mehr zu thun
Nichts andres zu empfangen noch zu geben.
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Der wackre Scherasmin, der das verliebte Paar
In solcher Stimmung sieht, erschrickt vor ihren Blicken.
Er wird darin ich weiß nicht was gewahr,
Das lüstern ist verbotne Frucht zu pflücken.
Ein Zeuge drückte sie, das sah er offenbar.
Sie küßten sich, so bald er nur den Rücken
Ein wenig kehrt, so rasch, so durstiglich,
Und wurden roth, so bald sein Auge sie bestrich.
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Im Spiegel seiner eignen Jugend
Sieht er nur allzu gut was beide nicht mehr sahn;
Sieht, einer Motte gleich, die unerfahrne Tugend
Sich ahnungslos der schönen Flamme nahn.
Wie lieblich zieht der Glanz, die sanfte Wärme an!
Durch ihre Unschuld selbst betrogen
Umtaumelt sie das Licht in immer kleinern Bogen,
Und plötzlich ach! verbrennt sie ihre Flügel dran.
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In dieser Noth läßt der getreue Alte
(Mit Fatmen ingeheim zu diesem Zweck vereint)
Nichts unversucht, was ihm ein Mittel scheint,
Daß wenigstens bis Rom des Ritters Weisheit halte;
Ihm fällt bald dieß bald jenes ein,
Sie zu beschäftigen, zu stören, zu zerstreun;
Zuletzt schlägt er, da alle Mittel fehlen,
Zur Abendkürzung vor, ein Mährchen zu erzählen.
35
Ein Mährchen nennt' er es, wiewohl es freylich mehr
Als Mährchen war. Ihm hatt' es ein Kalender
Zu Basra einst erzählt, als er die Morgenländer
Nach seines Herren Tod durchirrte, lang' vorher,
Eh' in die Kluft des Libans aus den Wogen
Der stürmevollen Welt er sich zurückgezogen:
Und da es itzt in ihm gar lebhaft sich erneut,
Glaubt er, es sey vielleicht ein Wort zu rechter Zeit.