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Und so beginnt er denn: Vor etwa hundert Jahren
Lebt' an den Ufern des Tessin
Ein Edelmann, an Weisheit ziemlich grün,
Wiewohl sehr grau an Bart und Haaren;
Von Podagra und Gicht, der späten bittern Frucht
Zu viel genoßner Lust, fast täglich heimgesucht;
Ein Hofmann übrigens, galant und wohl erfahren,
Und in der Kriegeskunst der Minne wohl versucht.

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Dem war, nachdem er lang' sein sündliches Vergnügen
Daran gehabt, im Hagestolzenstand
Auf Amors freyer Bürsch' Berg auf Berg ab im Land
Herum zu ziehn, und, wo er Eingang fand,
Bey seines Nächsten Weib zu liegen;
Ihm, sag' ich, war zuletzt der Einfall aufgestiegen,
Den steifen Hals, noch an des Lebens Rand,
Ins sanfte Joch der heil'gen Eh' zu schmiegen.

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Mit viel Geschmack und wohl verkühltem Blut
Sucht er ein Kind sich aus, wie er's zu Tisch und Bette,
Zu Scherz und Ernst, gerade nöthig hätte,
Zumahl zur Sicherheit; ein Mädchen, fromm und gut,
Unschuldig, sittsam, unerfahren,
Keusch wie der Mond und frey von aller eiteln Lust,
Jung überdieß, pechschwarz von Aug' und Haaren,
Von Farbe rosenhaft, und rund von Arm und Brust.

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Von allen drey und dreyßig Stücken,
Womit ein schönes Weib, sagt man, versehen ist,
Hätt' er kein einzigs gern an seiner Braut vermißt,
Am wenigsten das Aug', in dessen Feuerblicken
Ein feuchtes Wölkchen schwimmt, die kleine weiche Hand,
Die Lippen, die dem Kuß entgegen schwellen,
Das runde Knie, der Hüften schöne Wellen,
Und unter sanftem Druck den süßen Widerstand.

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Der gute alte Herr, beym Kauf so schöner Waare,
Vergaß nur Eins—die fünf und sechzig Jahre,
Die seinen Kopf bereits mit Schnee bestreun.
Zwar macht' er, aus geheimer Vorempfindung,
Ausdrücklich zum Beding der ehlichen Verbindung,
Sie sollte reitzvoll, warm, und alles das, allein
Für ihn, und kalt wie Eis für jeden andern bleiben:
Allein, wer wird für Sie die Klausel unterschreiben?

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Rosette that's. Rosette war ein Kind,
War auf dem Land, dem Veilchen gleich, im Schatten
Verborgen aufgeblüht, war froh und leicht gesinnt,
Und sah in ihrem künftigen Herrn und Gatten
Nichts als den Mann der sie zur großen Dame macht,
Ihr reiche Kleider gab und tausend schöne Sachen,
Die Kindern, wie sie war, bey Tage Kurzweil machen;
An andres hatte noch ihr Herzchen nie gedacht.

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Die Hochzeit ward demnach mit großer Pracht vollzogen.
Der edle Bräut'gam, zwar ein wenig steif und schwer,
Stapft an Rosettens Hand gar ehrenfest einher,
Und wähnt sein Taufschein hab' um zwanzig ihn belogen.
Was Augen hat läuft schaarenweis' herbey
Den prächt'gen Kirchgang anzustaunen;
Ein stattlich Paar! hört man zu beiden Seiten raunen;
Sie gleichen sich—wie Januar und May.

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Rosettens Unschuld war (wie in dergleichen Fällen
Gewöhnlich ist) des alten Gangolfs Stolz:
Er schien am zweyten Tag vor hohem Muth zu schwellen,
Und schritt einher gerader als ein Bolz.
Es war der letzte Trieb von einem dürren Holz!
Die Übel, die sich gern zu grauer Liebe gesellen,
Begannen bald bey ihm sich reichlich einzustellen;
Je wärmer Röschen ward, je mehr ihr Alter schmolz.

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Indeß verdoppelt er auf andre Art die Proben
Von seiner Zärtlichkeit, beschenkt sie täglich schier
Mit neuem Modekram, mit Spitzen, schönen Roben,
Juwelen, kurz, mit allem was er ihr
An Augen ansehn kann. Es koste was es wolle,
Was ihr Vergnügen macht, das ist für ihn Genuß;
Er fordert nichts dafür als höchstens einen Kuß;
Mit Einem Wort, er spielt die—Alten-Mannes-Rolle.

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Rosette, jugendlich vergnügt mit ihrem Loos,
Spart auch dagegen nichts den Alten zu vergnügen
Nach seiner Art; setzt sich auf seinen Schooß
So viel er will, und läßt auf seinem Knie sich wiegen,
Läßt aus Gefälligkeit ihn tändeln wie er kann,
Pflegt seiner, liebevoll, in seinem Unvermögen;
Und, wandelt ihn (wie oft) die Schlafsucht an,
Darf er sein schweres Haupt auf ihren Busen legen.