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So lebten sie in Eintracht manches Jahr
Zusammen, keusch und treu wie fromme Turteltauben,
So treu ergeben Sie, und Er so voller Glauben,
Daß jedermann dadurch erbauet war.
Der gute Mann vergaß bey ihren Scherzen
Sein Podagra und seine Rückenschmerzen,
Und seinetwegen bloß beklagt' in ihrem Herzen
Die junge Frau sein zehntes Stufenjahr.
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Allein, es kam; und ach! zu ihrem großen Leide,
Ein Übel kam mit ihm auf Gangolfs graues Haupt,
Das seiner liebsten Augenweide
Den armen Greis auf lebenslang beraubt.
Nie wird er wieder sich an ihren Blicken sonnen,
Nie wieder sehn dieß reitzende Oval,
Wovon zu Engeln und Madonnen
So mancher Mahler gern die sanften Züge stahl!
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Wer sollt' ihm nun die lange Zeit vertreiben,
Dem armen blinden Mann, hätt' er Rosetten nicht?
Was würd' aus ihm, wär's ihr nicht süße Pflicht,
Untrennbar Tag und Nacht an ihn geklebt zu bleiben,
Ihm immer Arm und Augenlicht
Zu leihn, für ihn zu lesen und zu schreiben,
Zu fragen was ihm fehlt, und, quälet ihn die Gicht,
Mit leichter warmer Hand ihm Knie und Fuß zu reiben?
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Rosette, immer sanft, gefällig, mitleidsvoll,
Entrichtet ohne Zwang und Murren
Der Ehstandspflicht auch diesen schweren Zoll;
Aufmerksam stets, (wiewohl bey seinem Knurren
Ihr heimlich oft die Gall' ein wenig schwoll)
Daß ja ihr Alter nichts zu klagen haben soll.
Zum Unglück fing er itzt, trotz ihrem guten Willen,
In seinem Sorgestuhl die schlimmste aller Grillen.
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Der ärgste Feind, der je sich aus der Hölle schlich
Die Sterblichen zu necken und zu quälen,
Fuhr in den armen Mann, und plagt' ihn jämmerlich.
Alt, schwach und blind, wie konnt' er sich verhehlen,
Rosette sey, so sehr sie einem Engel glich,
Doch nur ein Weib? Konnt's an Versuchern fehlen?
Die Welt ist rings umher von offnen Augen voll,
Und ach! das Auge blind, das sie beleuchten soll!
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So jung, so schön, so ganz aus lauter Liebeszunder
Gewebt, wer kann sie sehn und nicht vor Sehnsucht glühn?
Wo sah man je so frische Wangen blühn?
Je Augen funkelnder und Lilienarme runder?
Zwar ist sie tugendhaft; sie wird ja freylich fliehn:
Doch, wenn sie auf der Flucht nun glitschte? wär' es Wunder?
Der Grund, worauf sie flieht, ist hell geschliffner Stahl,
Und ach! die Einmahl fällt, die fällt für allemahl.
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Selbst ihre Tugenden, ihr sanftgefällig Wesen,
Ihr leichter Sinn, stets froh und guter Ding',
Was sonst an ihr das liebste ihm gewesen,
Die holde Scham sogar, womit sie ihn umfing,
Und was ihm sonst von ihren tausend Reitzen,
Entschleiert und verschont, sein Seelenspiegel weist,
Das alles hilft itzt nur dem Argwohn, der ihn beißt,
Sich in sein wundes Herz noch tiefer einzubeitzen.
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Der Sklaverey, worin das gute junge Weib
Seit dieser Zeit verlechzt, ist keine zu vergleichen.
Stets angeschnallt an seinen siechen Leib,
Darf sie ihm Tag und Nacht nicht von der Seite weichen.
Mißtrauisch aufgeschreckt von jedem leisen Wort,
Trägt er die Augen nun an seinen Finger-Enden,
Und Nachts liegt eine stets von seinen knot'gen Händen
Bald da, bald dort auf ihr, aus Furcht sie schleich' ihm fort.
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So sanft Rosette war, so fiel doch solch Betragen
Ihr schwer aufs Herz. Er nennt es Liebe zwar:
Allein sie sah zu wohl nur, was es war,
Und fing, anstatt sich fruchtlos zu beklagen,
Zu überlegen an. So neben einem Mann
Von siebenzig, mit Gicht und Stein beladen,
Durchs Leben, wie durch einen Sumpf, zu waden,
Und noch gequält dazu, däucht ihr ein harter Bann.
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Gar vieles, was sie sonst geduldig übersehen,
Scheint in dem Licht, worin sie jetzt es sehen muß,
Höchst widerlich und gar nicht auszustehen.
Sein Zärtlichthun ist jetzt ihr herzlichster Verdruß,
Sein Scherz unleidlich plump, und ekelhaft sein Kuß;
Wagt er noch mehr, so möchte man vergehen!
Und sie, o grausam! sie ist jung und schön für ihn,
Und was ihm unnütz ist, muß sie sich selbst entziehn!