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Und was entschädigt sie? Der Stadt gesellige Freuden,
Tanz, Schauspiel, alles das ist ihr verbotne Frucht!
Von niemand wird ihr altes Schloß besucht;
Als gingen Geister drin, scheint jeder es zu meiden.
Ein großer Garten hoch mit einer Mau'r umfaßt,
Ist alles was sie hat—im Kreis sich zu bewegen;
Zum Träumen kann sie da an einen Baum sich legen,
Und dann sogar ist ihr der blinde Mann zur Last.

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Ein junger Edelknecht, in Gangolfs Schloß erzogen
Und über seinen Stall gesetzt,
Wird itzt zum ersten Mahl betrachtenswerth geschätzt.
Er hatte zwar schon lange sich verwogen,
Mit schmachtender Begier die Dame anzusehn,
Und oft gesucht ihr's mündlich zu gestehn,
Doch, da sie stets dem Anlaß ausgebogen,
Auch wieder ehrfurchtsvoll zurücke sich gezogen.

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Jetzt aber, da Verdruß und Gram
Und lange Weil' bey Tag, und noch langweil'gers Wachen
Bey Nacht, Zerstreuungen ihr zum Bedürfniß machen,
Kein Wunder, daß sie jetzt die Sache anders nahm.
Es däucht ihr hart, in ihren schönsten Tagen
So gänzlich allem Trost des Lebens zu entsagen;
Und Walter, dessen Blick nun wieder Muth bekam,
War unermüdet, sich zum Tröster anzutragen.

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Sein Eifer wächst je mehr er Raum gewinnt.
Er fleht; sie weigert sich: doch unvermerkt entspinnt
Sich ein Verständniß zwischen ihnen,
Wovon die Augen bloß die Unterhändler sind;
Denn Gangolf war nicht an den Ohren blind,
Und öfters kann ein Ohr für hundert Augen dienen.
Der Alte spitzt die seinen gleich und lauscht
Wenn von Rosettens Kleid nur eine Falte rauscht.

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Ein solcher Zwang verkürzt die Komplimente
Des Widerstands, und in sehr kurzer Zeit
Sind Walter und die Dame schon so weit
Daß nur die Frage ist, wie man sich nähern könnte?
Von ihrem Drachen, den sein Husten Tag und Nacht
Nicht ruhen läßt, gebannet und bewacht,
Was wird die junge Frau ersinnen,
Um etwas Raum und Zeit für Walter zu gewinnen?

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Noth schärft den Witz. Indem sie hin und her
Auf Wege denkt, erwählt, verwirft, im besten
Viel Schwierigkeiten sieht, fällt ihr von ungefähr
Ein Birnbaum ein mit stufengleichen Ästen,
Der, an der Rasenbank im Garten, wo sich rund
Um einen Marmorbrunnen Hecken
Von Myrten ziehn, hoch überhangend stund,
Den Schattensitz vor Sonnengluth zu decken.

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Zu diesem anmuthsvollen Ort,
Den laue Lüftchen stets umfliegen,
Pflegt oft, zur Sommerszeit, wenn alles lechzt und dorrt,
Mit seinem Weibchen sich der Alte zu verfügen,
Um an des Brunnens kühlem Bord
Ein Stündchen oder zwey auf ihrem Schooß zu liegen—
Zum Garten hat jedoch den Schlüssel er allein,
Und außer ihm und ihr kam keine Seel' hinein.

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Was nun zu thun, den Schlüssel zu bekommen,
Den stets im Unterkleid der Alte bey sich führt?
Der wird beym Schlafengehn ganz sachte weggenommen,
Und, während daß der Mann sein Ave psalmodiert,
In Wachs gedrückt, sodann am nächsten Morgen
Der Abdruck unvermerkt in Walters Hand gespielt,
Und ein Postskript dazu, das ihm den Baum empfiehlt;
Das übrige wird Walter schon besorgen.

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Nun, was geschah? Es war ein schöner warmer Tag
Zu End' Augusts, als unsern blinden Alten
Die Sonne lockt, wie er zuweilen pflag,
Die Mittagsruh im Myrtenrund zu halten.
Komm, meine Taube, spricht zu seinem andern Ich
Der graue Tauber, komm, mein Röschen, führe mich
Zu jenem stillen Grund, wo, seit er uns verbunden,
Der Gott der Eh' so oft uns Arm in Arm gefunden.

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Rosette winkt, und Walter schleicht voran;
Die Gartenthür wird leise aufgethan
Und wieder zugemacht; dann geht es an ein Fliegen
Dem Brunnen zu; der Birnbaum wird erstiegen,
Und, wo der breit'ste Ast sich sanft gebogen krümmt,
Des Weibchens Thron im dichtsten Laub bestimmt.
Der Alte kommt indeß, mit ungewissen Tritten,
An seines Röschens Arm allmählich angeschritten.