66
Weil nun der Mund beynah das einz'ge blieb,
Das noch, in viel und mancherley Gebrechen,
Ihm Dienste that, so war, von seiner Lieb'
Und von dem Paradies des Ehstands ihr zu sprechen,
Gewöhnlich das, womit er ihr die Zeit vertrieb.
Er mischte dann, vielleicht sie zu bestechen,
Von ihren Reitzungen viel Poesie hinein,
Und meistens kam ein Stück von Predigt hinter drein.
67
Aus diesem Ton war's unterwegs gegangen,
Und, da sie glücklich nun beym Brunnen angelangt,
(Wo, wie ihr wißt, der schöne Birnbaum prangt)
Da hatte Gangolf auch, nachdem er ihr die Wangen
Gestreichelt, und (wiewohl vom Husten stark geplagt)
Viel zärtliches und süßes vorgesagt,
Die Predigt eben angefangen,
Die ihr im Angesicht des Birnbaums schlecht behagt.
68
Ist, sprach er—da er so, die Stirn an ihrer Brust,
Im Schatten bey ihr saß, und an dem runden, weichen,
Atlaßnen Arm sanft auf und ab zu streichen
Nicht müde ward—ist wohl der Unschuld unsrer Lust,
Der Ruh, dem süßen Trost, dem alle Freuden weichen,
Dem Glück geliebt zu seyn, geliebt und sich bewußt
Man sey es würdig—kurz, dem was du fühlen mußt
Wenn du mich liebst, ein Glück auf Erden zu vergleichen?
69
O sprich, mein Röschen,—hier begann
Der alte Herr noch zärtlicher zu streicheln—
Doch rede frey und ohne alles Heucheln,
(Denn einer höret uns, den niemand täuschen kann)
Darf sich auch wohl dein armer blinder Mann,
Der dich so zärtlich liebt, darf sich dein Gangolf schmeicheln,
Daß du ihn wieder liebst? daß er dein Alles ist,
Dein ganzes Herz erfüllt, wie du sein Alles bist?
70
Zwar freylich, wollten wir die alten Sagen schätzen,
Wär' einem Mann nichts minder zu verzeihn,
Als an ein Weib sein ganzes Herz zu setzen,
Zu bau'n auf ihre Treu', zu trauen ihrem Schein.
Längst lehrten uns, aus Tonnen und von Thronen,
Der Narr Diogenes, die weisen Salomonen,
Es sey des Weibes Herz kein zuverlässig Gut,
Und ihrer List nichts gleich als ihre Wankelmuth.
71
Nichts von den weltlichen Geschichten
Zu sagen, sehn wir nicht sogar das heil'ge Buch
Den Ruhm der Weibertreu' von Anbeginn vernichten?
Kam auf die Menschheit nicht durchs erste Weib der Fluch?
Von seinen Töchtern ward der fromme Loth betrogen;
Die Kinder Gottes selbst, schon vor der großen Flut,
Verbrannten sich, von Weibern angezogen,
Die Fittiche an ihrer strafbarn Gluth.
72
Die Delila'n, die Jaeln, Jesabellen
Und Bathseba'n, und wie ihr Nahme heißt,
Ist unvonnöthen dir im Reihen aufzustellen,
Wiewohl die Schrift sie nicht der Treue halben preist:
Doch diese Judith, die den tapfern, frommen, alten
Feldmarschall Holofern erst in die Arme schlingt,
Erst liebetrunken macht, und dann ums Leben bringt,
Wer kann dabey der Thränen sich enthalten?
73
Wär' aber auch der Weiber größte Zahl
An Lastern noch so reich, an Tugend noch so kahl,
Dir, meine Einz'ge, Auserwählte,
Dir, meines Alters Trost und meiner Augen Licht,
Dir trau' ich's zu, du bliebst getreu an deiner Pflicht,
Und fehltest nicht, wenn auch die beste fehlte.
Dein Gangolf, der so rein, so treu dich liebt,
Wird, o gewiß! von dir so grausam nie betrübt?
74
Wozu, versetzt mit schuldbewußten Wangen
Die junge Frau, und zieht den Schwanenarm,
Womit sie um den Gürtel ihn umfangen,
Mißmüthig weg—wozu, versetzt sie rasch und warm,
All' diese Litaney? Womit in meinem Leben
Hab' ich dazu Gelegenheit gegeben?
Wie? soll ich glauben, daß dein Herz an meiner Treu'
Nur einen Augenblick zu zweifeln fähig sey?
75
Unglückliche! ist dieß für alle meine Liebe
Zuletzt der Lohn? Wem gab ich ganz mich hin?
Der Unschuld ersten Kuß, der Jugend erste Triebe,
Wer hatte sie?—Und ach! daß ich zu zärtlich bin,
Ist mein Verbrechen nun! Ein Herz ist ihm verdächtig
Das keinen andern kennt, für ihn nur stärker schlug!
Hoffärt'ger, hast du nicht an diesem Sieg genug?
Auch quälen mußt du mich? O grausam! niederträchtig!