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Hier hielt sie ein, als ob der übermäßige Schmerz
Die Stimm' in ihrer Brust erstickte;
Und schluchzend fiel der Greis ihr um den Hals und drückte
Das treue Weib reumüthig an sein Herz.
O weine nicht, mein Liebchen, o verzeihe
Was Liebe nur gefehlt! Ich wollte nicht Verdruß
Dir machen; o verzeih, und gieb mir einen Kuß!
Bey Gott! ich zweifle nicht an meines Röschens Treue!
77
So seyd ihr! sprach Rosett', indem sie seinem Kuß
Sanft sträubend sich entzog, so seyd ihr Männer alle!
Erst lockt ihr uns so schmeichelnd in die Falle,
Und habt ihr uns, macht ruhiger Genuß
Statt frischem Blut bey euch nur böse Galle.
Weh dann der armen Frau, die euch befried'gen muß!
Das Flämmchen selbst, das ihr so eifrig angeblasen,
Giebt euch zum Argwohn Stoff, und macht euch heimlich Rasen.
78
Der gute Mann, den sehr zur ungelegnen Zeit
Sein Hüftweh überfällt, weiß seinem armen Leibe
Sonst keinen Rath, als dem getreuen Weibe
Betheurungen zu thun von seiner Zärtlichkeit,
Und daß der Schatten nur von Argwohn himmelweit
Von seinem Herzen sey und bleibe.
Somit bestätigt denn der neue Friedensschluß
Von beiden Theilen sich mit einem süßen Kuß.
79
Das wackre Ehpaar sank, aus Leerheit oder Fülle
Des Herzens, wie ihr wollt, in eine tiefe Stille.
Rosette seufzt. Der Alte fragt, warum?
Nichts, sagt sie wieder seufzend, und bleibt stumm.
Er dringt in sie. "Sey unbesorgt, mein Lieber,
Es ist ein Lüstern nur, und geht vielleicht vorüber."—
Ein Lüstern?—Ich versteh'!—Wie glücklich machtest du
Mein Alter noch!—Sie schweigt und seufzt noch eins dazu.
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Da hätten wir die Frucht von deinem kalten Baden,
Fuhr Gangolf fröhlich fort. Sag' an! es könnte dir,
Wenn du's verhielt'st, und dem Verborgnen schaden!
O! spricht sie, sähest du den schönen Birnbaum hier,
So frisch von Laub, so strotzend voll beladen
Mit reifer goldner Frucht! die Äste brechen schier!
Ich sagte nichts, aus Furcht du möchtest zürnen,
Allein—ich gäb' ein Aug' um eine dieser Birnen!
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Ich kenn' ihn wohl, den Baum; er trägt im ganzen Land
Die beste Frucht, versetzt der gute Blinde:
Doch, sprich, wie machen wir's? Kein Mensch ist bey der Hand,
Es ist ein Erntetag, das ganze Hofgesinde
Im Feld zerstreut—der Baum ist hoch, und ich
Bin schwach und blind—O wäre nur der Bengel
Der Walter hier!—"Mir fällt was ein, mein Engel,
Wir brauchen niemand sonst, spricht sie, als dich und mich.
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"Wär'st du so gut, und wolltest mit dem Rücken
Nur einen Augenblick fest an den Stamm dich drücken,
So wär's ein leichtes mir, hier von des Rasens Saum
Dir auf die Schulter mich zu schwingen;
Von da ist's vollends auf den Baum
Zum ersten Ast zwey kleine Spangen kaum;
Ich bin im Klettern und im Springen
Von Kindheit an geübt—gewiß, es wird gelingen."
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Von Herzen gern, versetzt der blinde Mann;
Und doch, mein Kind, wenn du zu Schaden kämest?
Es bräch' ein Ast? was könnt' ich Armer dann
Zu deinem Beystand thun?—Wie, wenn du dich bequemest
Zu warten?—"Sagt' ich nicht, daß ich nicht warten kann?
Ich sehe wohl, daß du des kleinen Diensts dich schämest;
Um alles wollt' ich dir nicht gern beschwerlich seyn!
Und doch, wer sieht uns hier? Wir sind ja ganz allein!"
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Was war zu thun? Es konnte leicht das Leben
Von einem Erben gar bey dieser Lüsternheit
Gefährdet seyn; kurz, halb mit Zärtlichkeit
Halb mit Gewalt, muß Gangolf sich ergeben.
Er stämmt sich an, hilft selbst dem Weibchen auf,
Und vom geduld'gen Kopf des guten alten Narren
Schwingt sich Rosette frisch zum lüft'gen Sitz hinauf,
Wo ihrer, unterm Laub, verstohlne Freuden harren.
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Nun saß von ohngefähr, da alles dieß geschah,
Auf einer Blumenbank, dem guten blinden Alten
Vorüber, Oberon, um mit Titania,
Der Feenkönigin, hier Mittagsruh zu halten:
Indeß die zefyrgleiche Schaar
Der Elfen, ihr Gefolg, zerstreut im ganzen Garten
Und meist versteckt in Blumenbüschen war,
Um Schlummernd dort den Mondschein zu erwarten.