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Unsichtbar saßen sie, und hörten alles an,
Was zwischen Mann und Frau sich eben zugetragen.
Zum Unglück, daß sie auch die Birnbaumsscene sahn!
Dem Elfenkönig gab dieß großes Mißbehagen.
Da, sprach er zu Titanien, sieht man nun
Wie wahr es ist, was alle Kenner sagen!
Was ist so arg, das nicht, um sich genug zu thun,
Ein Weib die Stirne hat zu wagen?
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Ja wohl, Freund Salomon, bekennt dein weiser Mund:
"Ein einzler Biedermann wird immer noch gesehen;
Doch wandre einer mir ums weite Erdenrund
Nach einem frommen Weib, er wird vergebens gehen!"
Siehst du, Titania, im Birnbaum dort versteckt
Das ungetreue Weib des blinden Mannes spotten?
Sie glaubt sich in der Nacht, die seine Augen deckt,
So sicher als in Plutons tiefsten Grotten.
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Allein, bey meinem Thron, bey diesem Lilienstab,
Und bey der furchtbarn Macht, die mir das Reich der Elfen
Mit diesem Zepter übergab,
Nichts soll ihr ihre List, nichts seine Blindheit helfen!
Nein, ungestraft in Oberons Angesicht
Sich ihres Hochverraths erfreuen soll sie nicht!
Ich will den Staar von Gangolfs Augen schleifen,
Und auf der frischen That soll sie sein Blick ergreifen!
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So? willst du das? versetzt mit raschem Sinn
Und Wangen voller Gluth die Feenkönigin;
So soll mein Schwur dem deinen sich vermählen!
So schwör' auch ich, so wahr ich Königin
Des Elfenreichs und deine Gattin bin,
Es soll ihr nicht an einer Ausflucht fehlen!
Ist Gangolf etwa ohne Schuld?
Ist Freyheit euer Loos, und unsers nur Geduld?
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Doch, ohne sich an ihren Zorn zu kehren,
Macht Oberon, was er geschworen, wahr.
Berührt von seinem Lilienstabe, klären
Sich Gangolfs Augen auf, verschwunden ist der Staar.
Erstaunt, entzückt beginnt er auszuschauen,
Sieht hin, und schüttelt sich als führ' ein Wespenschwarm
Ihm in die Augen, sieht, o Himmel! soll er trauen?
Sein treues Röschen, ach! in eines Mannes Arm!
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Es kann nicht seyn! er hat nicht recht gesehen;
Ihn blendete das lang' entwöhnte Licht;
Unmöglich kann sich so das beste Weib vergehen!
Er schaut noch einmahl hin—Das nehmliche Gesicht
Durchbohrt sein Herz. Ha, schreyt er, wie besessen,
Verrätherin, Sirene, Höllngezücht,
Du scheuest dich vor meinen Augen nicht
Der Ehr' und Treu' so schändlich zu vergessen?
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Rosette, wie vom Donner aufgeschreckt,
Fährt ängstlich auf, indem mit einem Zauberschleier
Ein unsichtbarer Arm den blassen Buhler deckt.
Was für ein seltsam Abenteuer
Stellt, denkt sie, just in diesem Nu, so sehr
Zur Unzeit, das Gesicht des alten Unholds her?
Doch, nach dem Wort der Königin der Elfen,
Fehlt ihr's an Witze nicht, sich aus der Noth zu helfen.
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Was hast du, lieber Mann? ruft sie herab vom Baum,
Was tobst du so?—"Du fragst noch, Unverschämte?"
Ich Arme! wie? du giebst dem Argwohn Raum?
So lohnst du mir, daß mich dein Nothstand grämte,
Daß ich, da nichts mehr half, durch schwarzer Kunst Gewalt
Mit einem Geist in Mannsgestalt
Um dein Gesicht zu ringen mich bequemte,
Und, dir zu Lieb', im Kampf den rechten Arm mir lähmte?
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Was Dank verdient, machst du sogar zu Schuld,
Und schämst dich nicht mir solch ein Lied zu singen?
Ha, schrie er, hier verlör' Sankt Hiob die Geduld!
Was ich gesehen nennst du ringen?
So möge mir dieß neu geschenkte Licht
Des Himmels Wunderhand bewahren,
Und du, treuloses Weib, mögst du zur Hölle fahren,
Wie mir ein ehrlich Wort zu deiner That gebricht!
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Wie? ruft sie aus, so kann mein Gangolf sprechen?
Weh mir! ach! zu gewiß muß etwas, was es sey,
An meinem Zauberwerk gebrechen;
Dein Aug' ist offenbar noch nicht von Wolken frey!
Wie könnt'st du sonst mit solchen harten Reden
Dein treues Weib zu morden dich entblöden?
Dein Sehen kann kein wahres Sehen seyn;
Es ist das Flimmern nur von ungewissem Schein.