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O daß es möglich wär' mich selbst zu hintergehen!
Spricht Gangolf; wohl dem Mann den nur ein Argwohn plagt!
Ich Unglücksel'ger hab's gesehen!
Gesehen was ich sah!—Dem Himmel sey's geklagt!
Ward je ein Weib unglücklicher geboren?
(Schreyt die Verrätherin mit einem Thränenguß)
O daß ich diesen Schmerz noch überleben muß!
Mein armer Mann hat den Verstand verloren!
97
Und welcher Mann von zärtlichem Gemüth
Verlör' ihn nicht, trotz allen seinen Sinnen,
Der Thränengüsse aus so schönen Augen rinnen
Und eine solche Brust von Seufzern schwellen sieht?
Der Alte kann nicht länger widerstehen:
"Gieb dich zufrieden, Kind, ich war zu rasch, zu warm;
Verzeih, und komm herab in deines Gangolfs Arm,
Es ist nun sonnenklar, ich hatte falsch gesehen!"
98
Da hörst du's nun! spricht zu Titania
Der Elfenfürst: was er mit Augen sah
Schwemmt eine Thräne weg! Dein Werk ist's; triumfiere!
Doch hör' auch nun den heiligsten der Schwüre!
Ich glaubte mich geliebt, und fand mein Glück darin.
Es war ein Traum—Dank dir, daß ich entzaubert bin!
Hoff' nicht ein Thränchen werd' auch mich umnebeln können,
Von nun an müssen wir uns trennen!
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Nie werden wir, in Wasser noch in Luft,
Noch wo im Blüthenhain die Zweige Balsam regnen,
Noch wo der hagre Greif in ewig finstrer Gruft
Bey Zauberschätzen wacht, einander mehr begegnen.
Mich drückt die Luft in der du athmest! Fleuch;
Und wehe dem verräthrischen Geschlechte
Von dem du bist, und weh dem feigen Liebesknechte
Der eure Ketten schleppt! ich haß' euch alle gleich!
100
Und wo ein Mann in eines Weibes Stricken,
Als wie ein taumelnder lusttrunkner Auerhahn,
Sich fangen läßt, und liegt und girrt sie an,
Und saugt das falsche Gift aus ihren üpp'gen Blicken,
Wähnt, Liebe sey's was ihr im Schlangenbusen flammt,
Und horcht bethört der lächelnden Sirene,
Traut ihren Schwüren, glaubt der hinterlistigen Thräne,
Der sey zu jeder Noth, zu jeder Qual verdammt!
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Und bey dem furchtbarn Nahmen sey's geschworen
Der Geistern selbst unnennbar bleiben muß,
Nichts wende diesen Fluch und meinen festen Schluß:
Bis ein getreues Paar, vom Schicksal selbst erkohren,
Durch keusche Lieb' in Eins zusammen fließt,
Und, probefest in Leiden wie in Freuden,
Die Herzen ungetrennt, auch wenn die Leiber scheiden,
Der Ungetreuen Schuld durch seine Unschuld büßt.
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Und wenn dieß edle Paar schuldloser reiner Seelen
Um Liebe alles gab, und unter jedem Hieb
Des strengesten Geschicks, auch wenn bis an die Kehlen
Das Wasser steigt, getreu der ersten Liebe blieb,
Entschlossen, eh' den Tod in Flammen zu erwählen,
Als ungetreu zu seyn selbst einem Thron zu Lieb':
Titania, ist dieß, ist alles dieß geschehen,
Dann werden wir uns wiedersehen!
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So sprach der Geist und schwand aus ihrem Blick.
Vergebens lockte sie mit liebevoller Stimme,
Nachfliehend, ihn in ihren Arm zurück!
Nichts kann des raschen Worts, das er in seinem Grimme
Gesprochen, hätt' er gleich es selber nun beweint,
Nichts kann ihn seines Schwurs entbinden,
Bevor, nach dem Beding, der ganz unmöglich scheint,
Zwey Liebende, wie er's verlangt, sich finden.
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Seit dieser Zeit hat bis zu unsern Tagen
Sich Oberon in eigener Gestalt
Nie mehr gezeigt, und (wie die Leute sagen)
Bald einen Berg, bald einen dicken Wald,
Bald ein verlaßnes Thal zu seinem Aufenthalt
Gewählt, wo Liebende zu stören und zu plagen
All sein Vergnügen ist: und daß er nur für euch
Das Gegentheil gethan, ist einem Wunder gleich.
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Hier endigte der Alte mit Erzählen;
Und Hüon nimmt Amanden bey der Hand:
Wenn, spricht er, nur ein Paar getreu verliebter Seelen
Zu Oberons und Titaniens Ruhe fehlen,
So schwebt des Schicksals Werk an der Vollendung Rand.
War er's nicht selbst, der uns so wunderbar verband?
Er, sonst der Liebe Feind, hat uns in Schutz genommen:
Die Proben—o die laßt je eh'r je lieber kommen!