106
Amande legt an Antworts-Statt
Des Jünglings Hand ans Herz mit seelenvollen Blicken.
Ihr, die so viel für ihn gethan, gegeben hat,
Was blieb ihr noch mit Worten auszudrücken?
Und eine Scene von Entzücken
Erfolgt daraus, wobey der gute Scherasmin
Des schönen Mährchens Frucht, trotz allem seinem Nicken,
Auf einmahl zu verlieren schien.

107
Zwar noch verbarg der Unschuld keuscher Schleier
Den Liebenden die wachsende Gefahr,
Und ihre Zärtlichkeit ergoß sich desto freyer,
Je reiner ihre Quelle war.
Nie war ein junges Paar in Liebessachen neuer;
Doch eben darum hing ihr Loos an einem Haar.
Ihr ganzes Glück auf ewig zu zerstören,
Braucht's einen Augenblick, worin sie sich verlören!

Siebenter Gesang.

1
Inzwischen ward, nach sieben heitern Tagen,
Das liebenswürd'ge Heldenpaar,
Dem jedes Element durch Oberon günstig war,
Ans Ufer von Lepanto hingetragen.
Hier lagen, wie Herr Hüon gleich vernimmt,
Zwey leicht geflügelte Pinassen segelfertig,
Die eine nach Marsiliens Port bestimmt,
Die andre Reisender nach Napoli gewärtig.

2
Der junge Herr, des Alten Wachsamkeit
Und Mentorblicks ein wenig überdrüssig,
Ist über diesen Dienst des Zufalls sehr erfreut
Und ungesäumt ihn zu benutzen schlüssig.
Freund, spricht er, Jahr und Tag geht noch vielleicht dahin,
Eh' mir's gelegen ist mich in Paris zu zeigen:
Du weißt daß ich vorerst nach Rom versprochen bin,
Und dieser Pflicht muß jede andre schweigen.

3
Indessen liegt mir ob, den Kaiser sehn zu lassen,
Daß ich mein Wort erfüllt. Du bist mein Lehensmann,
Vollbringe du für mich, was ich nicht selber kann;
Besteige flugs die eine der Pinassen,
Die nach Marseille steu'rt; dann eile sonder Rast
Nach Hof, und übergieb, den Kaiser zu versöhnen,
Dieß Kästchen mit des Sultans Bart und Zähnen,
Und sag' ihm an, was du gesehen hast:

4
Und daß, so bald ich erst des heil'gen Vaters Segen
Zu Rom gehohlt, mich nichts verhindern soll,
Die Sultanstochter auch zu Füßen ihm zu legen.
Fahr wohl, mein alter Freund! der Wind bläst stark und voll,
Die Anker werden schon gelichtet,
Glück auf die Reis', und, hast du mein Geschäft verrichtet,
So komm und suche mich zu Rom im Lateran;
Wer weiß, wir langen dort vielleicht zusammen an.

5
Der treue Alte sieht dem Prinzen in die Augen,
Wiegt seinen grauen Kopf, und nähme gar zu gern
Die Freyheit, seinen jungen Herrn
Mit etwas scharfem Salz für diese List zu laugen.
Doch hält er sich. Das Kästchen, meint er zwar,
Hätt' ohne Übelstand noch immer warten mögen,
Bis Hüon selbst im Stande war
Dem Kaiser in Person die Rechnung abzulegen.

6
Indessen da sein Fürst und Freund darauf beharrt,
Was kann er thun als sich zum Abschied anzuschicken?
Er küßt Amandens Hand, umarmt mit nassen Blicken
Den werthen Fürstensohn, den seine Gegenwart
Noch kaum erfreute, nun begann zu drücken,
Und Thränen tröpfeln ihm in seinen grauen Bart.
Herr, ruft er, bester Herr, Gott laß' euch's wohl ergehen,
Und mögen wir uns bald und fröhlich wiedersehen!

7
Dem Ritter schlug sein Herz, da zwischen seinem Freund
Und ihm die offne See stets weiter sich verbreitet.
Was that ich! ach! wozu hat Raschheit mich verleitet!
Wo hat mit seinem Herrn ein Mann es je gemeint
Wie dieser Mann? Wie hielt er in Gefahren
So treulich bey mir aus! O daß ich es zu spät
Bedacht! Wer hilft mir nun wenn mir der Rath entgeht?
Und wer in Zukunft wird mich vor mir selbst bewahren?