8
So ruft er heimlich aus, und schwört sich selber nun
Und schwört es Oberon, (von dem er, ungesehen,
Um seine Stirn das leise geist'ge Wehen
Zu fühlen glaubt) sein äußerstes zu thun
Im Kampf der Lieb' und Pflicht mit Ehre zu bestehen.
Sorgfältig hält er nun sich von Amanden fern,
Und bringt die Nächte zu, starr nach dem Angelstern,
Die Tage, schwermuthsvoll ins Meer hinaus zu sehen.

9
Die Schöne, die den Mann, dem sie ihr Herz geschenkt,
So ganz verwandelt sieht, ist desto mehr verlegen,
Da sie davon sich keine Ursach' denkt.
Doch mehr, aus Zärtlichkeit, von ihrem Unvermögen
Ihn aufzuheitern als an ihrem Stolz gekränkt,
Setzt sie ihm Sanftmuth bloß und viel Geduld entgegen.
Das Übel nimmt indeß mit jeder Stunde zu,
Und raubet ihm und ihr bey Tag und Nacht die Ruh.

10
Einst um die Zeit, da schon am sternevollen Himmel
In Thetis Schooß der funkelnde Arktur
Sich senkt'—es schwieg am Bord das lärmende Getümmel,
Und kaum bewegte sich, wie eine Weitzenflur
Auf der sich Zefyr wiegt, der Ocean; die Leute
Im Schiffe, allzumahl des tiefsten Schlummers Beute,
Verdünsteten den Wein, der in den Adern rann,
Und selbst am Ruder nickt der sichre Steuermann;

11
Auch Fatme war zu ihres Fräuleins Füßen
Entschlummert: nur von Deinem Augenlied,
O Hüon, nur von Deinem Busen flieht,
O Rezia, der Schlaf!—Die armen Seelen büßen
Der Liebe süßes Gift. Wie wühlt sein heißer Brand
In ihrem Blut! und ach! nur eine dünne Wand
Trennt sie; sie glauben fast einander zu berühren,
Und nicht ein Seufzer kann sich ungehört verlieren.

12
Der Ritter, dem der lang' verhaltne Drang
Zur Marter wird, dem jede bittre Zähre,
Die seine Grausamkeit Amandens Aug' entzwang,
Auf seinem Herzen brennt, er seufzt so laut, so bang,
Als ob's sein letzter Athem wäre.
Sie, die mit Lieb' und Scham schon eine Stunde rang,
Kann endlich länger nicht die Lind'rung sich versagen,
Zu forschen was ihn quält, und Trost ihm anzutragen.

13
Im weißen Schlafgewand, dem schönsten Engel gleich,
Tritt sie in sein Gemach, mit zärtlichem Erbarmen
Im keuschen Blick, mit furchtsam offnen Armen.
Ihm ist, als öffne sich vor ihm das Himmelreich.
Sein Antlitz, kurz zuvor so welk, so todtenbleich,
Wird feuerroth; sein Puls, der kaum so träge
Und muthlos schlich, verdoppelt seine Schläge,
Und hüpfet wie ein Fisch im spiegelhellen Teich.

14
Allein gleich wieder wirft ihn Oberons Wort danieder;
Und da er schon, durch ihre Güte dreist,
An seine Brust sie ziehen will, entreißt
Er schnell sich ihrem Kuß, sich ihrem Busen wieder;
Will fliehn, bleibt wieder stehn, kommt rasch auf sie zurück
In ihre Arme sich zu stürzen,
Und plötzlich starrt er weg, mit wildem rollendem Blick,
Als wünscht' er seine Qual auf einmahl abzukürzen.

15
Sie sinkt aufs Lager hin, hoch schlägt ihr volles Herz
Durchs weichende Gewand, und stromweis' stürzt der Schmerz
Aus ihren schmachtenden vor Liebe schweren Augen.
Er sieht's, und länger hält die Menschheit es nicht aus:
Halb sinnlos nimmt er sie (werd' auch das ärgste draus!)
In seinen Arm, die glüh'nden Lippen saugen
Mit heißem Durst den Thau der Liebe auf,
Und ganz entfesselt strömt das Herz in vollem Lauf.

16
Auch Rezia, von Lieb' und Wonne hingerissen,
Vergißt zu widerstehn, und überläßt, entzückt,
Und wechselweis' ans Herz ihn drückend und gedrückt,
Sich ahnungslos den lang' entbehrten Küssen.
Mit vollen Zügen schlürft sein nimmer satter Mund
Ein herzberauschendes wollüstiges Vergessen
Aus ihren Lippen ein; die Sehnsucht wird vermessen,
Und ach! an Hymens Statt krönt Amor ihren Bund.

17
Stracks schwärzt der Himmel sich, es löschen alle Sterne;
Die Glücklichen! sie werden's nicht gewahr.
Mit sturmbeladnem Flügel braust von ferne
Der fessellosen Winde rohe Schaar;
Sie hören's nicht. Umhüllt von finsterm Grimme
Rauscht Oberon vorbey an ihrem Angesicht;
Sie hören's nicht. Schon rollt des Donners drohnde Stimme
Zum dritten Mahl, und ach! sie hören's nicht!