18
Inzwischen bricht mit fürchterlichem Sausen
Ein unerhörter Sturm von allen Seiten los;
Des Erdballs Axe kracht, der Wolken schwarzer Schooß
Gießt Feuerströme aus, das Meer beginnt zu brausen,
Die Wogen thürmen sich wie Berge schäumend auf,
Die Pinke schwankt und treibt in ungewissem Lauf,
Der Bootsmann schreyt umsonst in sturmbetäubte Ohren,
Laut heult's durchs ganze Schiff, weh uns! wir sind verloren!

19
Der ungezähmten Winde Wuth,
Der ganze Horizont in einen Höllenrachen
Verwandelt, lauter Gluth, des Schiffes stetes Krachen,
Das wechselsweis' bald von der tiefsten Flut
Verschlungen scheint, bald, himmelan getrieben,
Auf Wogenspitzen schwebt, die unter ihm zerstieben:
Dieß alles, stark genug die Todten aufzuschrecken,
Mußt' endlich unser Paar aus seinem Taumel wecken.

20
Amanda fährt entseelt aus des Geliebten Armen;
Gott! ruft sie aus, was haben wir gethan!
Der Schuldbewußte fleht den Schutzgeist um Erbarmen,
Um Hülfe, wenigstens nur für Amanden, an:
Vergebens! Oberon ist nun der Unschuld Rächer,
Ist unerbittlich nun in seinem Strafgericht;
Verschwunden sind das Hifthorn und der Becher,
Die Pfänder seiner Huld; er hört, und rettet nicht.

21
Der Hauptmann ruft indeß das ganze Volk zusammen,
Und spricht: Ihr seht die allgemeine Noth;
Mit jedem Pulsschlag wird von Wasser, Wind und Flammen
Dem guten Schiff der Untergang gedroht.
Nie sah ich solchen Sturm! Der Himmel scheint zum Tod,
Vielleicht um Eines Schuld, uns alle zu verdammen;
Um Eines Frevlers Schuld, zum Untergang verflucht,
Den unter uns der Blitz des Rächers sucht.

22
So laßt uns denn durchs Loos den Himmel fragen
Was für ein Opfer er verlangt!
Ist einer unter euch dem vor der Wage bangt?
Wo jeder sterben muß hat keiner was zu wagen,
Er sprach's, und jedermann stimmt in den Vorschlag ein.
Der Priester bringt den Kelch; man wirft die Loose drein;
Rings um ihn her liegt alles auf den Knieen;
Er murmelt ein Gebet, und heißt nun jeden ziehen.

23
Geheimer Ahnung voll, doch mit entschloßnem Muth,
Naht Hüon sich, den zärtlichsten der Blicke
Auf Rezia gesenkt, die bang und ohne Blut,
Gleich einem Gypsbild steht. Er zieht, und—o Geschicke!
O Oberon! er zieht mit frost'ger bebender Hand
Das Todesloos. Verstummend schaut die Menge
Auf ihn; er liest, erblaßt, und ohne Widerstand
Ergiebt er sich in seines Schicksals Strenge.

24
Dein Werk ist dieß, ruft er zu Oberon empor;
Ich fühl', obwohl ich dich nicht sehe,
Erzürnter Geist, ich fühle deine Nähe!
Weh mir! du warntest mich, du sagtest mir's zuvor,
Gerecht ist dein Gericht! Ich bitte nicht um Gnade,
Als für Amanden nur! Ach! Sie ist ohne Schuld!
Vergieb ihr! Mich allein belade
Mit deinem ganzen Zorn, ich trag' ihn mit Geduld!

25
Ihr, die mein Tod erhält, schenkt eine fromme Zähre
Dem Jüngling, den der Sterne Mißgunst trifft!
Nicht schuldlos sterb' ich zwar, doch lebt' ich stets mit Ehre;
Ein Augenblick, wo ich, berauscht von süßem Gift,
Des Worts vergaß, das ich zu rasch geschworen,
Der Warnung, die zu spät in meinen bangen Ohren
Itzt wiederhallt—das allgemeine Loos
Der Menschheit, schwach zu seyn—ist mein Verbrechen bloß!

26
Schwer büß' ich's nun, doch klaglos! denn, gereuen
Des liebenswürdigen Verbrechens soll mich's nicht!
Ist Lieben Schuld, so mag der Himmel mir verzeihen!
Mein sterbend Herz erkennt nun keine andre Pflicht.
Was kann ich sonst als Liebe dir erstatten,
O du, die mir aus Liebe alles gab?
Nein! diese heil'ge Gluth erstickt kein Wellengrab!
Unsterblich lebt sie fort in deines Hüons Schatten.

27
Hier wird das Herz ihm groß; er hält die blasse Hand
Vors Aug', und schweigt. Und wer im Kreise stand,
Verstummt; kein Herz so roh, das nicht bey seinem Falle
Auf einen Augenblick von Mitleid überwalle.
Es war ein Blitz, der im Entstehn verschwand.
Sein Tod ist Sicherheit, ist Leben für sie alle;
Und da der Himmel selbst zum Opfer ihn ersehn,
Wer dürfte, sagen sie, dem Himmel widerstehn?