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Hier bahnet nur Verzweiflung einen Weg!
Oft muß er Felsen an sich mit den Händen winden,
Oft, zwischen schwindlig tiefen Schlünden,
Macht er, den Gemsen gleich, die Klippen sich zum Steg;
Bald auf dem schmalsten Pfad verrammeln Felsenstücke
Ihm Weg und Licht, er muß, so müd' er ist, zurücke,
Bald wehrt allein ein Strauch, den mit zerrißner Hand
Er fallend noch ergreift, den Sturz von einer Wand.

99
Wenn seine Kraft ihn schier verlassen will,
Ruft die entflohnen Lebensgeister
Amandens Bild zurück. Schwer athmend steht er still,
Und denkt an Sie, und fühlt sich neuer Kräfte Meister.
Es bleibt nicht unbelohnt, dieß echte Heldenherz!
Allmählich ebnet sich der Pfad vor seinen Tritten,
Und gegen das, was er bereits erstritten,
Ist, was zu kämpfen ihm noch übrig ist, nur Scherz.

Achter Gesang

1
Erstiegen war nunmehr der erste von den Gipfeln,
Und vor ihm liegt, gleich einem Felsensahl,
Hoch überwölbt von alten Tannenwipfeln,
In stiller Dämmerung ein kleines schmales Thal.
Ein Schauder überfällt den matten
Erschöpften Wanderer, indem sein wankender Schritt
Dieß düstre Heiligthum der Einsamkeit betritt;
Ihm ist, er tret' ins stille Reich der Schatten.

2
Bald leitet ihn ein sanft gekrümmter Pfad,
Der sich allmählich senkt, zu einer schmalen Brücke.
Tief unter ihr rollt über Felsenstücke
Ein weiß beschäumter Strom, gleich einem Wasserrad.
Herr Hüon schreitet unverdrossen
Den Berg hinan, auf den die Brücke führt,
Und sieht sich unvermerkt in Höhen eingeschlossen,
Wo bald die Möglichkeit des Auswegs sich verliert.

3
Der Pfad auf dem er hergekommen
Wird, wie durch Zauberey, aus seinem Aug' entrückt!
Lang' irrt er suchend um, von stummer Angst beklommen,
Bis durchs Gesträuch, das aus den Spalten nickt,
Sich eine Öffnung zeigt, die (wie er bald befindet)—
Der Anfang ist von einem schmalen Gang
Der durch den Felsen sich um eine Spindel windet,
Fast senkrecht, mehr als hundert Stufen lang.

4
Kaum hat er athemlos den letzten Tritt erstiegen,
So stellt ein Paradies sich seinen Augen dar;
Und vor ihm steht ein Mann von edeln ernsten Zügen,
Mit langem weißem Bart und silberweißem Haar.
Ein breiter Gürtel schließt des braunen Rockes Falten,
Und an dem Gürtel hängt ein langer Rosenkranz.
Bey diesem Ansehn war's, an solchem Orte, ganz
Natürlich, ihn sogleich für was er war zu halten.

5
Doch Hüon—schwach vor Hunger, und erstarrt
Vor Müdigkeit, und nun, in diesen wilden Höhen,
Wo er so lang' umsonst auf Menschenanblick harrt,
Und von der Felsen Stirn, die ringsum vor ihm stehen,
Uralte Tannen nur auf ihn herunter wehen,
Auf einmahl überrascht von einem weißen Bart—
Glaubt wirklich ein Gesicht zu sehen,
Und sinkt zur Erde hin vor seiner Gegenwart.

6
Der Eremit, kaum weniger betroffen
Als Hüon selbst, bebt einen Schritt zurück;
Doch spricht er, schnell gefaßt: Hast du, wie mich dein Blick
Und Ansehn glauben heißt, Erlösung noch zu hoffen
Aus deiner Pein, so sprich, was kann ich für dich thun,
Gequälter Geist? wie kann ich für dich büßen,
Um jenen Port dir aufzuschließen
Wo, unberührt von Qual, die Frommen ewig ruhn?

7
So bleich und abgezehrt, mit Noth und Gram umfangen
Als Hüon schien, war der Verstoß, in den
Der alte Vater fiel, nur allzu leicht begangen.
Allein, wie beide sich recht in die Augen sehn,
Und als der Greis aus Hüons Mund vernommen
Was ihn hierher gebracht, wiewohl sein Anblick schon
Ihm alles sagt, umarmt er ihn wie einen Sohn,
Und heißt recht herzlich ihn in seiner Klaus' willkommen;