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Schon ist der Bäume Schmuck der spätern Jahrszeit Raub,
Schon klappert zwischen dürrem Laub
Der rauhe Wind, und graue Nebel hüllen
Der Sonne kraftberaubtes Licht,
Vermischen Luft und Meer, und ungestümer brüllen
Die Wellen am Gestad, das kaum ihr Wüthen bricht;
Oft, wenn sie grimmbeschäumt den harten Fesseln zürnen,
Spritzt der zerstäubte Strom bis an der Felsen Stirnen.

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Die Noth treibt unser Paar aus ihrer stillen Bucht
Nun höher ins Gebirg. Doch, wo sie hin sich wenden,
Umringet sie von allen Enden
Des dürren Hungers Bild, und sperret ihre Flucht.
Ein Umstand kommt dazu, der sie mit süßen Schmerzen
Und banger Lust in diesem Jammerstand
Bald ängstigt, bald entzückt—Amanda trägt das Pfand
Von Hüons Liebe schon drey Monden unterm Herzen.

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Oft, wenn sie vor ihm steht, drückt sie des Gatten Hand
Stillschweigend an die Brust, und lächelnd hält sie Thränen
Zurück im ernsten Aug'. Ein neues zartres Band
Webt zwischen ihnen sich. Sie fühlt ein stilles Sehnen
Voll neuer Ahnungen den Mutterbusen dehnen;
Was innigers als was sie je empfand,
Ein dunkles Vorgefühl der mütterlichen Triebe,
Durchglüht, durchschaudert sie, und heiligt ihre Liebe.

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Dieß süße Liebespfand ist ihr ein Pfand zugleich,
Sie werde nicht von Dem verlassen werden,
Der was er schafft in seinem großen Reich
Als Vater liebt. Gern trägt sie die Beschwerden
Des ungewohnten Stands, verbirgt behutsam sie
Vor Hüons Blick, und zeigt ihm ihren Kummer nie,
Läßt lauter Hoffnung ihn im heitern Auge schauen,
Und nährt in seiner Brust das schmachtende Vertrauen.

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Zwar er vergaß des hohen Schwures nicht,
Den er dem Himmel und Amanden zugeschworen:
Doch desto tiefer liegt das drückende Gewicht;
Denn Sorgen ist nun doppelt seine Pflicht.
Bedarf es mehr sein Herz mit Dolchen zu durchbohren,
Als dieses rührende Gesicht?
Zeigt die gehoffte Hülf' in kurzer Zeit sich nicht,
So ist sein Weib, sein Kind, zugleich mit ihm verloren.

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Schon viele Wochen lang verstrich
Kein Tag, an dem er nicht wohl zwanzigmahl den Rücken
Der Felsengruft bestieg, ins Meer hinaus zu blicken,
Sein letzter Trost! Allein, vergebens stumpft' er sich
Die Augen ab, im Schooß der grenzenlosen Höhen
Mit angestrengtem Blick ein Fahrzeug zu erspähen;
Die Sonne kam, die Sonne wich,
Leer war das Meer, kein Fahrzeug ließ sich sehen.

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Itzt blieb ein einzigs noch. Es schien unmöglich zwar,
Doch, was ist dem der um sein Alles kämpfet
Unmöglich? Würde Jedes Haar
Auf seinem Kopf ein Tod, sein Muth blieb' ungedämpfet.
Von diesem Fels, worauf ihn Oberon verbannt,
War eine Seite noch ihm gänzlich unbekannt;
Ein fürchterlich Gemisch von Klippen und Ruinen
Beschützte sie, die unersteiglich schienen.

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Itzt, da die Noth ihm an die Seele dringt,
Itzt scheinen sie ihm leicht erstiegne Hügel;
Und wären's Alpen auch, so hat die Liebe Flügel.
Vielleicht, daß ihm das Wagestück gelingt,
Daß sein hartnäck'ger Muth durch alle diese wilde
Verschanzung der Natur sich einen Weg erzwingt,
Der ihn in fruchtbare Gefilde,
Vielleicht zu freundlichen mitleid'gen Wesen bringt.

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Amanden eine Last von Sorgen zu ersparen,
Verbirgt er ihr das ärgste der Gefahren,
In die er sich, zu ihrer beider Heil,
Begeben will. Sie selbst trägt ihren Theil
Von Leiden still. Sie sprachen nichts beym Scheiden,
Als, lebe wohl! so voll gepreßt war beiden
Das Herz; doch zeigt sein Aug' ihr eine Zuversicht,
Die wie ein Sonnenstrahl durch ihren Kummer bricht.

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Da steht er nun am Fuß der aufgebirgten Zacken!
Sie liegen vor ihm da wie Trümmern einer Welt.
Ein Chaos ausgebrannter Schlacken,
In die ein Feuerberg zuletzt zusammen fällt,
Mit Felsen untermischt, die, tausendfach gebrochen,
In wilder ungeheurer Pracht,
Bald tief bis ins Gebiet der alten finstern Nacht
Herunter dräun, bald in die Wolken pochen.