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Sprich nicht von dem was ich für dich gegeben,
Für dich gethan! Ich that was mir mein Herz gebot,
That's für mich selbst, der zehenfacher Tod
Nicht bittrer ist als ohne dich zu leben.
Was unser Schicksal ist, hilft deine Liebe mir,
Hilft meine Liebe dir ertragen;
So schwer es sey, so unerträglich—hier
Ist meine Hand!—ich will's mit Freuden tragen.
79
Mit jedem Auf—und Niedergehn
Der Sonne soll mein Fleiß sich mit dem deinen gatten;
Mein Arm ist stark; er soll, dir beyzustehn
In jeder Arbeit, nie ermatten!
Die Liebe, die ihn regt, wird seine Kraft erhöhn,
Wird den geringsten Dienst mit Munterkeit erstatten.
So lang' ich dir zum Trost, zum Glück genugsam bin,
Tauscht' ich mein schönes Loos mit keiner Königin.
80
So sprach das beste Weib, und drückt mit keuschen Lippen
Das Siegel ihres Worts auf den geliebten Mund;
Und mit dem Kuß verwandeln sich die Klippen
Um Hüon her; der rauhe Felsengrund
Steht wieder zum Elysium umgebildet,
Verweht ist jede Spur der nackten Dürftigkeit;
Das Ufer scheint mit Perlen überstreut,
Ein Marmorsahl die Gruft, der Felsen übergüldet.
81
Von neuem Muth fühlt er sein Herz geschwellt.
Ein Weib wie dieß ist mehr als eine Welt.
Mit hoher himmelathmender Wonne
Drückt er dieß volle Herz an ihre offne Brust,
Ruft Erd' und Meer, und dich, allsehende Sonne,
Zu Zeugen seines Schwurs: "Ich schwör's auf diese Brust,
Den heiligen Altar der Unschuld und der Treue,
Vertilgt mich, ruft er aus, wenn ich mein Herz entweihe!
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"Wenn je dieß Herz, worin dein Nahme brennt,
Der Tugend untreu wird, und deinen Werth verkennt,
Dich je, so lang' dieß Prüfungsfeuer währet,
Durch Kleinmuth quält, durch Zagheit sich entehret,
Je lässig wird, geliebtes Weib, für dich
Das äußerste zu leiden und zu wagen:
Dann, Sonne, waffne dich mit Blitzen gegen mich,
Und möge Meer und Land die Zuflucht mir versagen!"
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Er sprach's, und ihn belohnt mit einem neuen Kuß
Das engelgleiche Weib. Sie freu'n sich ihrer Liebe,
Und stärken wechselsweis' einander im Entschluß,
So hart des Schicksals Herr auch ihre Tugend übe,
Mit festem Muth und eiserner Geduld
Auf beßre Tage sich zu sparen,
Und blindlings zu vertraun der allgewaltigen Huld,
Von der sie schon so oft den stillen Schutz erfahren.
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Von beiden wurde noch desselben Tags die Bucht,
Die ihren Palmbaum trug, mit großem Fleiß durchsucht,
Und fünf bis sechs von gleicher Art gefunden,
Die hier und da voll goldner Trauben stunden.
Das frohe Paar, hierin den Kindern gleich,
Dünkt mit dem kleinen Schatz sich unermeßlich reich;
Bey süßem Scherz und fröhlichem Durchwandern
Des Palmenthals verfliegt ein Abend nach dem andern.
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Allein der Vorrath schwand; ein Jahr, ein Jahr mit Bley
An Füßen, braucht's ihn wieder zu ersetzen,
Und, ach! mit jedem Tag wird ihr Bedürfniß neu.
Arm kann die Liebe sich bey Wenig glücklich schätzen,
Bedarf nichts außer sich, als was Natur bedarf
Den Lebensfaden fortzuspinnen;
Doch, fehlt auch dieß, dann nagt der Mangel doppelt scharf,
Und die allmächtigste Bezaubrung muß zerrinnen.
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Mit Wurzeln, die allein der Hunger eßbar macht,
Sind sie oft manchen Tag genöthigt sich zu nähren.
Oft, wenn, vom Suchen matt, der junge Mann bey Nacht
Zur Höhle wiederkehrt, ist eine Hand voll Beeren,
Ein Mewen-Ey, geraubt im steilen Nest,
Ein halb verzehrter Fisch, vom gier'gen Wasserraben
Erbeutet, alles, was das Glück ihn finden läßt,
Sie, die sein Elend theilt, im Drang der Noth zu laben.
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Doch dieser Mangel ist's nicht einzig der sie kränkt.
Es fehlt bey Tag und Nacht an tausend kleinen Dingen,
An deren Werth man im Besitz nicht denkt,
Wiewohl wir, ohne sie, mit tausend Nöthen ringen.
Und dann, so leicht bekleidet wie sie sind,
Wo sollen sie vor Regen, Sturm und Wind,
Vor jedem Ungemach des Wetters sicher bleiben,
Und wie des Winters Frost fünf Monden von sich treiben?