68
Dieß quälende Gefühl wird unfreiwillig laut,
Und weckt aus ihrem Schlaf die anmuthsvolle Braut.
Das erste was sie sieht, ist Hüon, der, mit Blicken
In denen Freud' und Liebestrunkenheit
Den tiefern Gram nur halb erdrücken,
In ihren Schooß des Palmbaums Früchte streut.
Die magre Kost und eine Muschelschale
Voll Wassers macht die Noth zu einem Göttermahle.

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Zum Göttermahl! Denn ruhet nicht ihr Haupt
An Hüons Brust? Hat Er sie nicht gebrochen,
Die süße Frucht? nicht Er des Schlummers sich beraubt,
Und ihr zu Lieb' so manche Kluft durchkrochen?
So rechnet ihm die Liebe alles an,
Und schätzt nur das gering, was sie für ihn gethan.
Die Wolken zu zerstreun, die seine Stirn umdunkeln,
Läßt sie ihr schönes Aug' ihm lauter Freude funkeln.

70
Er fühlt den Überschwang von Lieb' und Edelmuth
In ihrem zärtlichen Betragen;
Und mit bethräntem Aug' und Wangen ganz in Gluth
Sinkt er an ihren Arm. O sollt' ich nicht verzagen,
Ruft er, mich selbst nicht hassen, nicht
Verwünschen jeden Stern, der auf die Nacht geschimmert
Die mir das Leben gab, verwünschen jenes Licht
Als ich im Mutterarm zum ersten Mahl gewimmert?

71
Dich, bestes Weib, durch mich, durch mein Vergehn,
Von jedem Glück herab gestürzt zu sehn,
Von jedem Glück, das dir zu Bagdad lachte,
Von jedem Glück, das ich dich hoffen machte
In meinem väterlichen Land!
Erniedrigt—dich!—zu diesem dürftigen Stand!
Und noch zu sehn, wie du dieß alles ohne Klagen
Erträgst—Es ist zu viel! Ich kann es nicht ertragen!

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Ihn sieht mit einem Blick, worin der Himmel sich
Ihm öffnet, voll von dem, was kaum ihr Busen fasset,
Amanda an: Laß, spricht sie, Hüon, mich
Aus dem geliebten Mund was meine Seele hasset
Nie wieder hören! Klage dich
Nicht selber an, nicht den, der was uns drücket
Uns nur zur Prüfung, nicht zur Strafe zugeschicket;
Er prüft nur die er liebt, und liebet väterlich.

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Was uns seit jenem Traum, der Wiege unsrer Liebe,
Begegnet ist, ist's nicht Beweis hiervon?
Nenn, wie du willst, den Stifter unsrer Triebe,
Vorsehung, Schicksal, Oberon,
Genug, ein Wunder hat dich mir, mich dir gegeben!
Ein Wunder unser Bund, ein Wunder unser Leben!
Wer führt' aus Bagdad unversehrt
Uns aus? Wer hat der Flut, die uns verschlang, gewehrt?

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Und als wir, sterbend schon, so unverhofft den Wogen
Entrannen, sprich, wer anders als die Macht
Die uns beschützt, hat uns bisher bedacht?
Aus ihrer Brust hab' ich's gesogen,
Das Wasser, das in dieser bangen Nacht
Mein kaum noch glimmend Licht von neuem angefacht!
Gewiß auch dieses Mahl, das unser Leben fristet,
Hat eine heimliche wohlthät'ge Hand gerüstet!

75
Wofür, wenn unser Untergehn
Beschlossen ist, wofür wär' alles dieß geschehn?
Mir sagt's mein Herz, ich glaub's, und fühle was ich glaube,
Die Hand, die uns durch dieses Dunkel führt,
Läßt uns dem Elend nicht zum Raube.
Und wenn die Hoffnung auch den Ankergrund verliert,
So laß uns fest an diesem Glauben halten;
Ein einz'ger Augenblick kann alles umgestalten!

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Doch, laß das ärgste seyn! Sie ziehe ganz sich ab,
Die Wunderhand, die uns bisher umgab;
Laß seyn, daß Jahr um Jahr sich ohne Hülf' erneue,
Und deine liebende getreue
Amande finde hier auf diesem Strand ihr Grab;
Fern sey es, daß mich je, was ich gethan, gereue!
Und läge noch die freye Wahl vor mir,
Mit frohem Muth ins Elend folgt' ich dir!

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Mir kostet's nichts von allem mich zu scheiden
Was ich besaß; mein Herz und deine Lieb' ersetzt
Mir alles; und, so tief das Glück herab mich setzt,
Bleibst Du mir nur, so werd' ich keine neiden
Die sich durch Gold und Purpur glücklich schätzt.
Nur, daß Du leidest, ist Amandens wahres Leiden!
Ein trüber Blick, ein Ach, das dir entfährt,
Ist was mir tausendfach die eigne Noth erschwert.