58
Er geht aufs neu zu suchen aus, und schwört,
Sich eher selbst, von Durst und Hunger aufgezehrt,
In diesen Felsen zu begraben,
Eh' er mit leerer Hand zur Höhle wiederkehrt.
Er, ruft er weinend, der die jungen Raben
Die zu ihm schrey'n erbarmend hört,
Er kann sein schönstes Werk nicht hassen,
Er wird gewiß, gewiß, dich nicht verschmachten lassen!

59
Kaum sprach er's aus, so kommt's ihm vor
Als hör' er wie das Rieseln einer Quelle
Nicht fern von ihm. Er lauscht mit scharfem Ohr;
Es rieselt fort—Entzückt dankt er empor,
Und sucht umher; und, bey der schwachen Helle
Der Dämmerung, entdeckt er bald die Stelle.
In eine Muschel faßt er auf den süßen Thau,
Und eilt zurück, und labt die fast verlechzte Frau.

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Gemächlicher des Labsals zu genießen,
Trägt er sie selbst zur nahen Quelle hin.
Es war nur Wasser—doch, dem halb erstorbnen Sinn
Scheint Lebensgeist den Gaum hinab zu fließen,
Däucht jeder Zug herzstärkender als Wein
Und süß wie Milch und sanft wie Öhl zu seyn;
Es hat die Kraft zu speisen und zu tränken,
Und alles Leiden in Vergessenheit zu senken.

61
Erquickt, gestärkt, und neuen Glaubens voll
Erstatten sie dem, der zum zweyten Mahle
Sie nun dem Tod entriß, des Dankes frohen Zoll;
Umarmen sich, und, nach der letzten Schale,
Strickt unvermerkt, am Quell auf kühlem Moos,
Der süße Tröster alles Kummers
Das Band der müden Glieder los,
Und lieblich ruhn sie aus im weichen Arm des Schlummers.

62
Kaum spielt die Morgendämmerung
Um Hüons Stirn, so steht er auf, und eilet
Auf neues Forschen aus; wagt manchen kühnen Sprung
Wo den zerrißnen Fels ein jäher Absturz theilet;
Spürt jeden Winkel durch, stets sorgsam daß er ja
Den Rückweg zu Amanden nicht verliere,
Und kummervoll, da er für Menschen und für Thiere
Das Eiland überall ganz unbewohnbar sah.

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Ihn führt zuletzt südostwärts von der Höhle
Ein krummer Pfad in eine kleine Bucht;
Und im Gebüsch, das eine Felsenkehle
Umkränzt, entdeckt sich ihm, beschwert mit reifer Frucht,
Ein Dattelbaum. So leicht, wie, auf der Flucht
Zum Himmel, eine arme Seele
Die aus des Fegfeu'rs Pein und strenger Gluth entrann,
Klimmt er den Baum hinauf als stieg' er himmelan;

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Und bricht der süßen Frucht so viel in seine Taschen
Sich fassen ließ, springt dann herab und fliegt,
Als gält's ein Reh in vollem Lauf zu haschen,
Das holde Weib, das stets in seinem Sinne liegt,
So wie sie munter wird, damit zu überraschen.
Noch lag sie, als er kam, schön in sich selbst geschmiegt,
In sanftem Schlaf; ihr glühn wie Rosen ihre Wangen,
Und kaum hält ihr Gewand den Busen halb gefangen.

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Entzückt in süßes Schau'n, den reinsten Liebsgenuß,
Steht Hüon da, als wie der Genius
Der schönen Schläferin; betrachtet,
Auf sie herab gebückt, mit liebevollem Geitz
Das engelgleiche Bild, den immer neuen Reitz;
Dieß ist, die, ihm zu Lieb', ein Glück für nichts geachtet,
Dem, wer's erreichen mag, sonst alles, unbedingt,
Was theu'r und heilig ist zum frohen Opfer bringt!

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"Um einen Thron hat Liebe dich betrogen!
Und, ach! wofür?—Du, auf dem weichen Schooß
Der Asiat'schen Pracht wollüstig auferzogen,
Liegst nun auf hartem Fels, der weite Himmelsbogen
Dein Baldachin, dein Bett ein wenig Moos;
Vor Wittrung unbeschützt und jedem Zufall bloß,
Noch glücklich, hier, wo Disteln kaum bekleiben,
Mit etwas wilder Frucht den Hunger zu betäuben!

67
"Und Ich—der, in des Schicksals strenger Acht,
Mit meinem Unglück, was mir nähert, anzustecken
Verurtheilt bin—anstatt vor Unfall dich zu decken,
Ich habe dich in diese Noth gebracht!
So lohn' ich dir was du für mich gegeben,
Für mich gewagt? Ich Unglücksel'ger, nun
Dein Alles in der Welt, was kann ich für dich thun,
Dem selbst nichts übrig blieb als dieses nackte Leben?"