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Unwissend, wie bey Karl mein Handel sich verschlimmert,
Verfolg' ich meinen Weg, des Vorgangs unbekümmert.
Wir langen an. Mein alter Oheim, Abt
Zu Saint Denys, ein Mann mit Weisheit hochbegabt,
Führt beym Gehör das Wort. Wir werden wohl empfangen,
Und alles wär' erwünscht für uns ergangen:
Doch, wie man eben sich zur Tafel setzen will,
Hält Hohenblat am Schloß mit Scharlots Leiche still.
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Zwölf Knappen tragen sie, in schwarzen Flor vermummt,
Die hohen Stufen hinan, und wer sie sieht verstummet
Und steht erstarrt. Sie nehmen ihren Lauf
Dem Sahle zu. Die Thüren springen auf:
Da tragen zwölf Gespenster eine Bahre,
Mit blut'gen Linnen bedeckt, bis mitten in den Sahl.
Der Kaiser selbst erblaßt, uns andern stehn ' die Haare
Zu Berg, und mich trifft's wie ein Wetterstrahl.
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Indem tritt Amory hervor, hebt von der Leiche
Das blut'ge Tuch, und—"Sieh! (ruft er dem Kaiser zu)
Dieß ist dein Sohn! und hier der Frevler, der dem Reiche
Und dir die Wunde schlug, der Mörder unsrer Ruh!
Weh mir! ich kam zu spät dazu!
Sich nichts versehend fiel dein Scharlot im Gesträuche,
Durch Meuchelmord, nicht wie in offnem Feld
Von Rittershand ein ritterlicher Held."
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Wie viel Verdrieß dem alten Herrn auch täglich
Sein böser Sohn gebracht, so blieb er doch sein Sohn,
Sein Fleisch und Blut. Erst stand er unbeweglich;
Dann schrie er laut vor Schmerz, mein Sohn! Mein Sohn!
Und warf sich in Verzweiflung neben
Den Leichnam hin. Mir war der bange Vaterton
Ein Dolch ins Herz; ich hätt' um Scharlots Leben
In diesem Augenblick mein bestes Blut gegeben.
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Herr, rief ich, höre mich! Mein Will' ist ohne Schuld;
Er gab sich für den Sohn des Herzogs von Ardennen,
Und was er that, bey Gott! es hätte die Geduld
Von einem Heil'gen morden können!
Er schlug den Knaben dort, der ihm kein Leid gethan,
Sprach lästerlich von meines Vaters Ehre,
Fiel unverwarnt mich selber mörd'risch an—
Den möcht' ich sehn, der kalt geblieben wäre!
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Ha! Bösewicht! schreyt Karl mich hörend, springt entbrannt
Vom Leichnam auf, mit Löwengrimm im Blicke,
Reißt einem Knecht das Eisen aus der Hand,
Und, hielten ihn mit Macht die Fürsten nicht zurücke,
Er hätt' in seiner Wuth mich durch und durch gerannt.
Auf einmahl rüttelt sich der ganze Ritterstand;
Ein wetterleuchtender Glanz von hundert bloßen Wehren
Scheint stracks in jeder Brust die Mordlust aufzustören.
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Die Hall' erdonnert von Geschrey,
Das Ästrich bebt, die alten Fenster klirren.
Aus Jedem Mund schallt Mord! Verrätherey!
Die Sprachen scheinen sich aufs neue zu verwirren.
Man schnaubt, man rennt sich an, man zückt die drohende Hand.
Der Abt, den noch allein Sankt Benedikts Gewand
Vor Frevel schützt, hält endlich unsern Degen
Mit aufgehobnem Arm sein Skapulier entgegen.
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Ehrt, ruft er laut, den heil'gen Vater in mir
Deß Sohn ich bin! Im Nahmen des Gottes, dem ich diene,
Gebiet' ich Fried'!—Er riefs mit einer Miene
Und einem Ton, der Heiden zur Gebühr
Genöthigt hätt'. Und stracks auf einmahl legen
Des Aufruhrs Wogen sich, erhellt sich jeder Blick,
Und jeder Dolch und jeder nackte Degen
Schleicht in die Scheide still zurück.
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Nun trug der Abt den ganzen Verlauf der Sache
Dem Kaiser vor. Die Überredung saß
Auf seinen Lippen. Allein, was half mir das?
Die Leiche des Sohns liegt da und schreyt um Rache.
Hier, ruft der Vater, sieh, und sprich
Dem Mörder meines Sohns das Urtheil! Sprich's für mich!
Ja, rachedürstender Geist, dein Gaumen soll sich laben
An seinem Blut! Er sterb' und mäste die Raben!
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Itzt schwoll mein Herz empor. Ich bin kein Mörder, schrie
Ich überlaut. Der Richter richtet nicht billig
In eigner Sache. Der Kläger Amory
Ist ein Verräther, Herr! Hier steh' ich, frey und willig,
Will in sein falsches Herz, mit meines Lebens Fahr,
Beweisen, daß er ein Schalk und Lügner ist, und war
Und bleiben wird, so lange sein Hauch die Luft vergiftet.
Sein Werk ist alles dieß, Er hat es angestiftet!