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In diesem Sturm, der alles ihm geraubt,
Blieb ihm ein Schatz, wodurch (ganz gegen Hofes Sitte)
Alfonso sich vollkommen schadlos glaubt,
Ein liebend Weib, ein Freund, und eine Hütte.
Laß, Himmel, diese mir! war nun die einz'ge Bitte,
Die sein befriedigt Herz zu wagen sich erlaubt.
Zehn Jahre lang ward ihm, was er sich bat, gegeben;
Allein, sein Schicksal war, auch dieß zu überleben.

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Drey Söhn', im vollen Trieb der ersten Jugendkraft,
Der eignen Jugend Bild, die Hoffnung grauer Jahre,
Sie wurden durch die Pest ihm plötzlich weggerafft.
Bald legt auch Schmerz und Gram die Mutter auf die Bahre.
Er lebt, und niemand ist der mit dem Armen weint,
Denn ach! verlassen hat ihn auch sein letzter Freund!
Er steht allein. Die Welt die ihn umgiebet
Ist Grab—von allem Grab, was er, was ihn geliebet.

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Er steht, ein einsamer vom Sturm entlaubter Baum,
Die Quellen sind versiegt, wo seine Freuden quollen.
Wie hätt' ihm itzt die Hütte, wo er kaum
Noch glücklich war, nicht schrecklich werden sollen?
Was ist ihm nun die Welt? Ein weiter leerer Raum,
Fortunens Spielraum, frey ihr Rad herum zu rollen!
Was soll er länger da? Ihm brach sein letzter Stab,
Er hat nichts mehr zu suchen—als ein Grab.

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Alfonso floh in dieses unwirthbare
Verlaßne Eiland, floh mit fast zerstörtem Sinn
In dieß Gebirg, und fand mehr als er suchte drin,
Erst Ruh, und, mit dem stillen Fluß der Jahre,
Zuletzt Zufriedenheit. Ein alter Diener, der
Ihn nicht verlassen wollt', die einz'ge treue Seele
Die ihm sein Unglück ließ, begleitet' ihn hierher,
Und ihre Wohnung war nun eine Felsenhöhle.

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Allmählich hob sein Herz sich aus der trüben Flut
Des Grams empor; die Nüchternheit, die Stille,
Die reine freye Luft, durchläuterten sein Blut,
Entwölkten seinen Sinn, belebten seinen Muth.
Er spürte nun, daß, aus der ew'gen Fülle
Des Lebens, Balsam, auch für seine Wunden, quille.
Oft brachte die Magie von einem Sonnenblick
Auf einmahl aus der Gruft der Schwermuth ihn zurück.

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Und als er endlich dieß Elysium gefunden,
Das, rings umher mit Wald und Felsen eingeschanzt,
Ein milder Genius, recht wie für ihn, gepflanzt,
Fühlt' er auf einmahl sich von allem Gram entbunden,
Aus einer ängstlichen traumvollen Fiebernacht
Als wie zur Dämmerung des ew'gen Tags erwacht.
Hier, rief er seinem Freund, vom unverhofften Schauen
Des schönen Orts entzückt, hier laß uns Hütten bauen!

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Die Hütte ward erbaut, und, mit Verlauf der Zeit,
Zur Nothdurft erst versehn, dann zur Gemächlichkeit,
Wie sie dem Alter eines Weisen
Geziemt, der minder stets begehret als bedarf.
Denn, daß Alfons, als er den ersten Plan entwarf
Von seiner Flucht, sich mit Geräth und Eisen,
Und allem was zur Hülle nöthig war,
Versehen habe, stellt von selbst sich jedem dar.

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Und so verlebt' er nun in Arbeit und Genuß
Des Lebens späten Herbst, beschäftigt seinen Garten,
Den Quell von seinem Überfluß,
Mit einer Müh, die ihm zu Wollust wird, zu warten.
Vergessen von der Welt,—und nur, als an ein Spiel
Der Kindheit, sich erinnernd aller Plage
Die ihm ihr Dienst gebracht,—beseligt seine Tage
Gesundheit, Unschuld, Ruh, und reines Selbstgefühl.

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Nach achtzehn Jahren starb sein redlicher Gefährte.
Er blieb allein. Doch desto fester kehrte
Sein stiller Geist nun ganz nach jener Welt sich hin,
Der, was er einst geliebt, itzt alles angehörte,
Der auch er selbst schon mehr als dieser angehörte.
Oft in der stillen Nacht, wenn vor dem äußern Sinn
Wie in ihr erstes Nichts die Körper sich verlieren,
Fühlt' er an seiner Wang' ein geistiges Berühren.

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Dann hört' auch wohl sein halb entschlummert Ohr,
Mit schauerlicher Lust, tief aus dem Hain hervor,
Wie Engelsstimmen sanft zu ihm herüber hallen.
Ihm wird als fühl' er dann die dünne Scheidwand fallen,
Die ihn noch kaum von seinen Lieben trennt;
Sein Innres schließt sich auf, die heil'ge Flamme brennt
Aus seiner Brust empor; sein Geist, im reinen Lichte
Der unsichtbaren Welt, sieht himmlische Gesichte.