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Sie dauern fort, auch wenn die Augen sanft betäubt
Entschlummert sind. Wenn dann die Morgensonne
Den Schauplatz der Natur ihm wieder aufschließt, bleibt
Die vorige Stimmung noch. Ein Glanz von Himmelswonne
Verkläret Fels und Hain, durchschimmert und erfüllt
Sie durch und durch; und überall, in allen
Geschöpfen, sieht er dann des Unerschaffnen Bild,
Als wie in Tropfen Thau's das Bild der Sonne, wallen.
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So fließt zuletzt unmerklich Erd' und Himmel
In seinem Geist in Eins. Sein Innerstes erwacht.
In dieser tiefen Ferne vom Getümmel
Der Leidenschaft, in dieser heil'gen Nacht
Die ihn umschließt, erwacht der reinste aller Sinne
Doch—wer versiegelt mir mit unsichtbarer Hand
Den kühnen Mund, daß nichts unnennbars ihm entrinne?
Verstummend bleib' ich stehn an dieses Abgrunds Rand.
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So war der fromme Greis, vor dem mit Kindestrieben
Amanda niederfiel. Auch Er, so lang' entwöhnt
Zu sehn, wornach das Herz sich doch im stillen sehnt,
Ein menschlich Angesicht—erlabt nun an dem lieben,
Herzrührenden, nicht mehr gehofften Anblick sich,
Und drückt die sanfte Hand der Tochter väterlich,
Umarmt den neuen Sohn zum zweyten Mahl, und blicket
Sprachlosen Dank zu dem, der sie ihm zugeschicket;
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Und führt sie ungesäumt nach seiner Ruhestatt,
Zu seinem Quell, in seine Gartenlauben,
Bedeckt mit goldnem Obst und großen Purpurtrauben,
Und setzt sie in Besitz von allem was er hat.
Natur, spricht er, bedarf weit minder als wir glauben;
Wem nicht an wenig g'nügt, den macht kein Reichthum satt:
Ihr werdet hier, so lang' die Prüfungstage währen,
Nichts wünschenswürdiges entbehren.
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Er sagte dieß, weil ihm der erste Blick gezeigt
Was er nicht fragen will und Hüon ihm verschweigt.
Denn beide, hatte gleich das Elend ihre Blüthe
Halb abgestreift, verriethen durch Gestalt
Und Sinnesart, wo nicht ein königlich Geblüte,
Doch sichrer einen Werth, dem selbst die Allgewalt
Des Glücks nichts rauben kann vom reinen Vollgehalt
Der innern angebornen Güte.
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Schon dreymahl wechselte der Tag sein herbstlich Licht,
Seit diese Freystatt sie in ihrem Schooße heget,
Und beide können noch sich des Gedankens nicht
Entschlagen, daß der Greis, der sie so freundlich pfleget,
Kein wahrer Greis, daß er ein Schutzgeist ist,
Vielleicht ihr Oberon selbst, der ihres Fehls vergißt,
Und, da sie schwer genug (däucht sie) dafür gebüßet,
Bald wieder glücklich sie zu machen sich entschließet.
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Nun schwindet zwar allmählich dieser Wahn,
Und ach! mit ihm stirbt auch, nicht ohne Schmerzen,
Die Hoffnung die er nährt; doch schmiegen ihre Herzen
Sich an ein Menschenherz nur desto stärker an.
Es war so sanft das Herz des guten Alten,
So zart sein Mitgefühl, sein innrer Sinn so rein,
Unmöglich konnten sie sechs Tage um ihn seyn
Und länger sich vor ihm verborgen halten.
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Der junge Mann, im Drang der Dankbarkeit
Und des Vertrau'ns, (zumahl da ihn zu fragen
Sein Wirth noch immer säumt) eröffnet ungescheut
Ihm seinen Nahmen, Stand, und was, seit jener Zeit,
Da er zu Montlery des Kaisers Sohn erschlagen,
Bis diesen Tag mit ihm sich zugetragen;
Durch welchen Auftrag Karl den Tod ihm zugedacht,
Und wie er glücklich ihn mit Oberons Schutz vollbracht;
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Und wie in einem Traum die Liebe sich entsponnen,
Die ihn beym ersten Blick mit Rezia vereint;
Wie er mit ihr aus Babylon entronnen,
Und das Verbot, das sein erhabner Freund
Ihm auferlegt, und wie, so bald er dessen
In einem Augenblick von Liebesdrang vergessen,
Die ganze Natur sich gegen sie empört
Und ihres Schützers Huld in Rache sich verkehrt.
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Wohl, spricht der edle Greis, wohl dem, den sein Geschick
So liebreich, und zugleich so streng, als dich, erziehet,
Den kleinsten Fehltritt ihm nicht straflos übersiehet,
Wohl ihm! denn ganz gewiß, das reinste Erdenglück
Erwartet ihn. Auf Herzen wie die euern
Zürnt Oberon nicht ewig. Glaube mir,
Mein Sohn, sein Auge schwebt unsichtbar über dir;
Verdiene seine Huld, so wird sie sich erneuern!