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Und wie verdien' ich sie? mit welchem Opfer still'
Ich seinen Zorn? fragt Hüon rasch den Alten;
Ich bin bereit, es sey so schwer es will!
Was kann ich thun?—Freywillig dich enthalten,
Antwortet ihm Alfons; was du gesündigt hast
Wird dadurch nur gebüßt.—Der junge Mann erblaßt.
Ich fühl' es, spricht der Greis mit sanft erröthender Wange;
Allein, ich weiß von wem ich es verlange!

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Ein edles Selbstgefühl ergreift den jungen Mann:
"Hier hast du meine Hand!" Mehr ward kein Wort gesprochen.
Und wohl ihm, der, nach mehr als hundert Wochen,
Sich selbst das Zeugniß geben kann,
Er habe sein Gelübde nicht gebrochen!
Es war der schönste Sieg den Hüon je gewann.
Doch hat er oft die Furcht vorm Alten zu erröthen,
Oft Rezia's standhaftem Ernst vonnöthen.

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Nichts unterhält so gut (versichert ihn der Greis)
Die Sinne mit der Pflicht im Frieden,
Als fleißig sie durch Arbeit zu ermüden;
Nichts bringt sie leichter aus dem Gleis
Als müß'ge Träumerey. Um der zuvor zu kommen,
Wird ungesäumt, so bald der Tag erwacht,
Die scharfe Axt zur Hand genommen,
Und Holz im Hain gefällt bis in die dunkle Nacht.

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Noch eine Hütte für Amanden aufzurichten,
Und Dach und Wände wohl mit Leim und Moos zu dichten,
Dann zum Kamin, der immer lodern muß,
Und für den Herd, den nöthigen Überfluß
Von fettem Kien und klein gespaltnen Fichten
Hoch an den Wänden aufzuschichten,
Dieß und viel andres giebt dem Prinzen viel zu thun:
Allein es hilft ihm Nachts auch desto besser ruhn.

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Zwar Anfangs will es ihm nicht gleich nach Wunsch gelingen,
Die Holzaxt statt des Ritterschwerts zu schwingen;
Die ungewohnte Hand greift alles schwerer an,
Und in der halben Zeit hätt' es ein Knecht gethan.
Doch täglich nimmt er zu, denn Übung macht den Meister;
Und fühlt er dann und wann sich dem Erliegen nah,
So wehet der Gedank', es ist für Rezia,
Sein Feuer wieder an, und stärkt die matten Geister.

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Indessen Hüon sich im Wald ermüdet, pflegt
Der edle Greis, der mit noch festem Tritte
Die schwere Last von achtzig Jahren trägt,
Der Ruhe nicht; nur daß er von der Hütte
Sich selten weit entfernt. Kein heitrer Tag entflieht,
Der nicht in seinem lieben Garten
Ihn dieß und das zu thun beschäftigt sieht.
Amandens Sorge ist des kleinen Herds zu warten.

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Da sähe man (wiewohl, wenn Engel nicht
Mit stillem Blick ihr Ebenbild umweben,
Wer sieht sie hier?) mit heiterm Angesicht,
Auf dem die Sorgen nur wie leichte Wölkchen schweben,
Die Königstochter gern sich jeder niedern Pflicht
Der kleinen Wirthschaft untergeben:
Auch was sie nie gekannt, viel minder je gethan,
Wie schnell ergreift sie es, wie steht ihr alles an!

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Oft schürzt sie, ohne mindsten Harm
Daß ihre zarte Haut den schönen Schmelz verliere,
Beym Wassertrog, vor ihrer Hüttenthüre,
Den schlanken schwanenweißen Arm.
Die Freud' (ihr süßer Lohn) den väterlichen Alten
Und den geliebten Mann in einem Stand zu halten,
Der von dem Drückendsten der Armuth sie befreyt,
Veredelt, würdigt ihr des Tagwerks Niedrigkeit.

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Und sieht sie dann (auch Er ist jener Engel einer)
Der heil'ge Greis, der von der Arbeit kehrt,
Und segnet sie: o dann ist ihre Freude reiner
Und inniger, als würd' ihr dreymahl mehr verehrt
Als sie zu Bagdad ließ. Wenn dann bey Sternenlichte
Die Nacht sie alle drey am Feuerherd vereint,
Und auf Amandens lieblichem Gesichte,
Das halb im Schatten steht, die Flamme wiederscheint:

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Dann ruht, mit stillem liebevollen
Entzückten Blick, der junge Mann auf ihr,
Und seine Seele schwillt, und süße Thränen rollen
Die dunkle Wang' herab. Tief schweiget die Begier!
Sie ist ein überirdisch Wesen
Das ihm zum Trost erscheint—er ist beglückt genug
Daß er sie lieben darf, und o! in jedem Zug,
In jedem keuschen Blick, daß er geliebt ist, lesen!