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Oft sitzen sie, der fromme freundliche Greis
In ihrer Mitt', Amanda seine rechte
In ihrer linken Hand, und hören halbe Nächte
Ihm zu, von seiner langen Lebensreis'
Ein Stück, das ihm lebendig wird, erzählen.
Vom Antheil, den die warmen jungen Seelen
An allem nehmen, wird's ihm selber warm dabey,
Dann werden unvermerkt aus zwey Geschichten drey.
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Zuweilen, um den Geist des Trübsinns zu beschwören,
Der, wenn die Flur in dumpfer Stille trau'rt,
Im Schneegewölk mit Eulenflügeln lau'rt,
Läßt Hüon seine Kunst auf einer Harfe hören,
Die er von ungefähr in einem Winkel fand,
Lang' ungebraucht, verstimmt, und kaum noch halb bespannt:
Doch scheint das schnarrende Holz von Orfeus Geist beseelet,
So bald sich Rezia's Gesang mit ihm vermählet.
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Oft lockte sie ein heller Wintertag,
Wenn fern die See von strenger Kälte rauchte,
Der blendend weiße Schnee dicht auf den Bergen lag,
Und itzt die Abendsonn' ihn wie in Purpur tauchte,
Dann lockte sie der wunderschöne Glanz
Im reinen Strom der kalten Luft zu baden.
Wie mächtig fühlten sie sich dann gestärkt! wie ganz
Durchheitert, neu belebt, und alles Grams entladen!
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Unmerklich schlüpfte so die Winterzeit vorbey.
Und nun erwacht aus ihrem langen Schlummer
Die Erde, kleidet sich aufs neu
In helles Grün; der Wald, nicht mehr ein stummer
Verödeter Ruin, wo nur die Pfeiler stehn
Der prächt'gen Laubgewölb' und hohen Schattengänge
Des Tempels der Natur, steht wieder voll und schön,
Und Laub drückt sich an Laub in lieblichem Gedränge.
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Mit Blumen decket sich der Busen der Natur,
Aufblühend lacht der Garten und die Flur;
Man hört die Luft von Vogelsang erschallen;
Die Felsen stehn bekränzt; die fließenden Krystallen
Der Quellen rieseln wieder rein
Am frischen Moos herab; den immer dichtern Hain
Durchschmettert schon, im lauen Mondenschein,
Die stille Nacht hindurch, das Lied der Nachtigallen.
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Amanda, deren Ziel nun immer näher rückt,
Sucht gern die Einsamkeit, sucht stille dunkle Steige
Im Hain sich aus, und dicht gewölbte Zweige.
Da lehnt sie oft, von Ahnungen gedrückt,
An einem blüh'nden Baum, und freuet sich des Webens
Und Sumsens und Gedrängs und allgemeinen Lebens
In seinem Schooß—und drückt mit vorempfundner Lust
Ein lieblich Kind im Geist an ihre Brust;
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Ein lieblich Kind, das ihre Mutterliebe
Mit jedem süßen Reitz verschwenderisch begabt,
Sich schon voraus an jedem zarten Triebe,
Der ihm entkeimt, sich schon am ersten Lächeln labt,
Womit es ihr die Leiden alle danket
Die sie so gern um seinetwillen trug,
Sich labt an jedem schönen Zug
Worin des Vaters Bild sanft zwischen ihrem schwanket.
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Allmählich wird der wonnigliche Traum
Von schüchternen Beängstigungen
Und stillem Gram, den sie vor Hüon kaum
Verbergen kann und doch verbirgt, verdrungen.
Ach Fatme, denkt sie oft, und Thränen stehen ihr
Im Auge, wärest du in dieser Noth bey mir!
Getrost, o Rezia! Das Schicksal, das dich leitet,
Hat dir zu helfen längst die Wege vorbereitet!
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Titania, die Elfenkönigin,
Sie hatte seit dem Tag, da Trotz und Widersinn
So unvermuthet sie um Oberons Herz betrogen,
Sich in dieß nehmliche Gebirg zurückgezogen.
Mit dem Gemahl, der ihr durch einen Schwur entsagt,
Den unterm unbegrenzten Bogen
Des himmlischen Azurs kein Geist zu brechen wagt,
Mit seiner Lieb' und ihm war all' ihr Glück entflogen.
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Zu spät beweint sie nun die eitle, rasche That
Des Augenblicks; fühlt mit beschämten Wangen
Die Größe ihrer Schuld, den schweren Hochverrath
Den sie an ihm und an sich selbst begangen.
Vergebens kämpft ihr Stolz der stärkern Zärtlichkeit
Entgegen!—Ach! sie flöge himmelweit,
Und würfe gern, um ihr Vergehn zu büßen,
In Thränen sich zu des Erzürnten Füßen.