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Was hälf' es ihr? Er schwor, in Wasser noch in Luft,
Noch wo im Blüthenhain die Zweige Balsam regnen,
Noch wo der hagre Greif in ewig finstrer Gruft
Bey Zauberschätzen wacht, ihr jemahls zu begegnen!
Vergebens käm' ihn selbst die späte Reue an;
Auf ewig fesselt ihn der Schwur den er gethan.
Ihn auszusöhnen bleibt ihr keine Pforte offen!
Denn von der einz'gen, ach! was ist von der zu hoffen?
59
Sie ist auf ewig zu. Denn nur ein liebend Paar,
Wie keines ist, wie niemahls eines war
Noch seyn wird, schließt sie auf. Von schwachen Adamskindern
Zu hoffen eine Treu', die keines Sturmwinds Stoß
Erschüttert, eine Treu', die keine Probe mindern,
Kein Reitz betäuben kann? Unmöglich! Hoffnungslos
Sinkt in der fernsten Zukunft dunkeln Schooß
Ihr thränenschwerer Blick; nichts kann ihr Elend mindern!
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Verhaßt ist ihr nunmehr der Elfen Scherz, der Tanz
Im Mondenlicht, verhaßt in seinem Rosenkleide
Der schöne May. Ihr schmückt kein Myrtenkranz
Die Stirne mehr. Der Anblick jeder Freude
Reißt ihre Wunden auf. Sie flattert durch das Leer
Der weiten Luft im Sturmwind hin und her,
Find't nirgends Ruh, und sucht mit trübem Blicke
Nach einem Ort, der sich zu ihrer Schwermuth schicke.
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Zuletzt entdeckt sich ihr im großen Ocean
Dieß Eiland. Aufgethürmt aus schwarzen ungeheuern
Ruinen, lockt es sie durch seine Schwärze an
Den irren Flug dahin zu steuern.
Es stimmt zu ihrem Sinn. Sie taumelt aus der Luft
Herab, und stürzet sich in eine finstre Gruft,
Um ungestört ihr Daseyn wegzuweinen,
Und, unter Felsen, selbst, wo möglich, zu versteinern.
62
Schon siebenmahl, seitdem Titania
Dieß traurige Leben führt, verjüngte sich die Erde
Ihr unbemerkt. Als wie auf einem Opferherde
Liegt sie auf einem Stein, den Tod erwartend, da;
Der Tag geht auf und sinkt, die holde Schattensonne
Beleuchtet zauberisch die Felsen um sie her;
Vergebens! strömten auch die Quellen aller Wonne
Auf einmahl über sie, ihr Herz blieb wonneleer.
63
Das einz'ge, was ihr noch, mit einem Traum des Schattens
Von Trost, ihr ewig Leid versüßt,
Ist, daß vielleicht der Zustand ihres Gattens
Dem ihren gleicht, und Er vielleicht noch härter büßt.
Gewiß, noch liebt er sie! und o! wofern er liebet,
Er, durch sich selbst verdammt zum Schöpfer ihrer Pein
Und seiner eignen Qual, wie elend muß er seyn!
So elend, daß sie gern ihm ihren Theil vergiebet!
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Doch, da für jede Seelenwunde,
Wie tief sie brennt, die Zeit, die große Trösterin,
Den wahren Balsam hat: so kam zuletzt die Stunde
Auch bey Titania, da ihr verdumpfter Sinn
Sich allgemach entwölkt, ihr Herz geduld'ger leidet,
Und ihre Fantasie in Grün sich wieder kleidet;
Sie giebt den Schmeicheley'n der Hoffnung wieder Raum,
Und was unmöglich schien wird itzt ihr Morgentraum.
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Auf einmahl grauet ihr vor diesen düstern Schlünden,
Worin sie einst sich gern gefangen sah;
Schnell muß aus ihrem Aug' ein Theil der Klippen schwinden,
Und ein Elysium steht blühend vor ihr da.
Auf ihren leisen Ruf erschienen
Drey liebliche Sylfiden, die ihr dienen;
Ein schwesterliches Drey, das ihren Gram zerstreut,
Und der Verlaßnen, mehr aus Lieb' als Pflicht, sich weiht.
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Das Paradies, das sich die Elfenkönigin
In diese Felsen schuf, war eben das, worin
Alfonso schon seit dreyßig Jahren wohnte;
Und, ihm unwissend, war's die Grotte, wo sie thronte,
Woraus ihm, durchs Gebüsch vom Nachtwind zugeführt,
Der liebliche Gesang, gleich Engelsstimmen, hallte;
Sie war's, die ungesehn bey ihm vorüber wallte,
Wenn er an seiner Wang' ein geistig Weh'n verspürt.
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Auch unsre Liebenden, vom Tag an, da die Wogen
An dieses Eiland sie getragen, hatte sie
Bemerkt, und täglich spät und früh
Erkundigung von ihnen eingezogen.
Oft stand sie selbst, wenn jene sich allein
Vermeinten, ungesehn, sich näher zu belehren;
Und was sie hört' und sah gab ihr den Zweifel ein,
Ob sie vielleicht das Paar, das sie erwartet, wären.