37
Sie findet ihren Mann, im Garten irrend, auf,
Und beide nehmen auf der Stelle,
Was sie besorgen sich verbergend, nach der Zelle
Des alten Vaters ihren Lauf.
Wie klopft ihr Herz, indem sie seinem Lager
Sich langsam nahn! Er liegt, die Hände auf sein Herz
Gefaltet, athemlos, sein Antlitz bleich und hager,
Doch edel jeder Zug, und rein, und ohne Schmerz.
38
Er schlummert nur, spricht Rezia, und legt
Die Hand, so leicht daß sie ihn kaum berühret,
Auf seine Hand—und, da sie kalt sie spüret
Und keine Ader mehr sich regt,
Sinkt sie in stiller Wehmuth auf den blassen
Erstarrten Leichnam hin; ein Strom von Thränen bricht
Aus ihrem Aug' und badet sein Gesicht:
O Vater, ruft sie aus, so hast du uns verlassen!
39
Sie rafft sich auf, und sinkt an Hüons Brust,
Und beide werfen nun sich bey der kalten Hülle
Der reinsten Seele hin, in ehrfurchtsvoller Stille,
Und sättigen die schmerzlich süße Lust
Zu weinen,—drücken oft, um endlich wegzugehen,
Auf seine Hand der Liebe letzten Zoll,
Und bleiben immer, nie gefehlter Regung voll,
Bey dem geliebten Bild, als wie bezaubert, stehen.
40
Es war als sähen sie auf seinem Angesicht
Die Dämmerung von einem neuen Leben,
Und wie von reinem Himmelslicht
Den Widerschein um seine Stirne weben,
Der schon zum geist'gen Leib den Erdenstoff verfeint,
Und um den stillen Mund, der eben
Vom letzten Segen noch sich sanft zu schließen scheint,
Ein unvergängliches kaum sichtbar's Lächeln schweben.
41
Ist dir's nicht auch (ruft Hüon, wie entzückt,
Amanden zu, indem er aufwärts blickt)
Als fall' aus jener Welt ein Strahl in deine Seele?
So fühlt' ich nie der menschlichen Natur
Erhabenheit! noch nie dieß Erdenleben nur
Als einen Weg durch eine dunkle Höhle
Ins Reich des Lichts! nie eine solche Stärke
In meiner Brust zu jedem guten Werke!
42
Zu jedem Opfer, jedem Streit
Nie diese Kraft, nie diese Munterkeit
Durch alle Prüfungen mich männlich durchzukämpfen!
Laß seyn, Geliebte, daß der Trübsal viel
Noch auf uns harrt—sie nähert uns dem Ziel!
Nichts soll uns muthlos sehn, nichts diesen Glauben dämpfen!
So spricht er, sich mit ihr von diesem heiligen Ort
Entfernend—und ihn nimmt das Schicksal gleich beym Wort.
43
Denn, wie sie Hand in Hand nun wieder
Hervor gehn aus der Zell', und ihre Augenlieder
Erheben—Gott! was für ein Anblick stellt
Sich ihren Augen dar! In welche fremde Welt
Sind sie versetzt! Verschwunden, ganz verschwunden
Ist ihr Elysium, der Hain, die Blumenflur.
Versteinert stehn sie da. Ist's möglich? Keine Spur,
Sogar die Stätte wird nicht mehr davon gefunden!
44
Sie stehn an eines Abgrunds Rand,
Umringt, wohin sie schaudernd sehen,
Von überhangenden gebrochnen Felsenhöhen;
Kein Gräschen mehr, wo einst ihr Garten stand!
Vernichtet sind die lieblichen Gebüsche,
Der dunkle Nachtigallenwald
Zerstört! Nichts übrig, als ein gräßliches Gemische
Von schroffen Klippen, schwarz, und öd', und ungestalt!
45
Zu welchen neuen Jammerscenen
Bereitet sie dieß grause Schauspiel vor?
Ach, rufen sie, und heben, schwer von Thränen,
Den kummervollen Blick zum heil'gen Greis empor:
"Ihm wurde dieß Gebirg in Frühlingsschmuck gekleidet,
Dieß Eden Ihm gepflanzt; um Seinetwillen nur
Genossen wir's; und Schicksal und Natur
Verfolgen uns aufs neu', so bald er von uns scheidet!"
46
Ich bin gefaßt, ruft Rezia, und schlingt
Ein Ach zurück das ihrer Brust entsteiget.
Unglückliche! der Tag, der all dieß Unglück bringt,
Hat dir noch nicht das schrecklichste gezeiget!
Sie eilt dem Knaben zu, den sie vor kurzem, süß
Noch schlummernd, (wie sie glaubt) verließ!
Er ist ihr letzter Trost; des Schicksals härtsten Schlägen
Geht sie getrost, mit ihm auf ihrem Arm, entgegen.