27
Und ob ihm diese Welt gleich nichts mehr ist, doch stellt
Er sich an Ihren Platz, in das was sie verloren,
Was ihnen zugehört, wozu sie sich geboren
Empfinden—fühlt aus Ihrer Brust, und hält
Die Thräne für gerecht, die sie vor ihm aus Liebe
Verbergen, tadelt nicht die unfreiwilligen Triebe,
Und frischt sie nur, so lang' als ihren Lauf
Das Schicksal hemmt, zu stillem Hoffen auf.

28
An einem Abend einst—das Tagwerk war vollbracht,
Und alle drey, (Amande mit dem Knaben
Auf ihrem Schooß) um an der herrlichen Pracht
Des hellgestirnten Himmels sich zu laben,
Sie saßen vor der Hütt' auf einer Rasenbank,
Versenkten sich mit ahnungsvollem Grauen
In dieses Wundermeer, und blickten stillen Dank
Zu ihm, der sie erschuf—gen Himmel aufzuschauen:

29
Da fing der fromme Greis, mit mehr gerührtem Ton
Als sonst, zu reden an von diesem Erdenleben
Als einem Traum, und vom Hinüberschweben
Ins wahre Seyn.—Es war, als wehe schon
Ein Hauch von Himmelsluft zu ihm herüber,
Und trag' ihn sanft empor indem er sprach.
Amanda fühlt's; die Augen gehn ihr über,
Ihr ist's, als sähe sie dem Halbverschwundnen nach.

30
Mir, fuhr er fort, mir reichen sie die Hände
Vom Ufer jenseits schon—Mein Lauf ist bald zu Ende;
Der eurige beginnet kaum, und viel,
Viel Trübsal noch, auch viel der besten Freuden,
(Oft sind's nur Stärkungen auf neue größre Leiden)
Erwarten euch, indeß ihr unvermerkt dem Ziel
Euch nähert. Beides geht vorüber,
Und wird zum Traum, und nichts begleitet uns hinüber;

31
Nichts als der gute Schatz, den ihr in euer Herz
Gesammelt, Wahrheit, Lieb' und innerlicher Frieden,
Und die Erinnerung, daß weder Lust noch Schmerz
Euch je vom treuen Hang an eure Pflicht geschieden.
So sprach er vieles noch; und als sie endlich sich
Zur Ruh begaben, drückt' er, wie sie dünkte,
Sie wärmer an sein Herz, und eine Thräne blinkte
In seinem Aug', indem er schnell von ihnen wich.

32
In eben dieser Nacht, von dunkeln Vorgefühlen
Der Zukunft aufgeschreckt, erhob Titania
Die Augen himmelwärts—und alle Rosen fielen
Von ihren Wangen ab, indem sie stand, und sah
Und las. Sie rief den lieblichen Gespielen,
Mit ihr zu sehen, was in diesem Nu geschah,
Und wie zu unglückschwangern Zügen
Amandens Sterne schon sich an einander fügen.

33
Und, dicht in Schatten eingeschleiert, fliegt
Sie schnell dem Lager zu, wo zwischen Mandelbäumen
(Der Knabe neben ihr) die Königstochter liegt,
Aus ihrem Schlaf von ahnungsvollen Träumen
Oft aufgestört. Titania berührt
Die Brust der Schläferin (damit die Unruh schweige
Die in ihr klopft) mit ihrem Rosenzweige,
Und raubt den Knaben weg, der nichts davon verspürt.

34
Sie kommt zurück mit ihrem schönen Raube,
Und spricht zu ihren Grazien: Ihr seht
Das grausame Gestirn, das ob Amanden steht!
Eilt, rettet dieses Kind in meine schönste Laube,
Und pfleget sein, als wär's mein eigner Sohn.
Drauf zog sie aus dem Kranz um ihre Stirne
Drey Rosenknospen aus, gab jeder holden Dirne
Ein Knöspchen hin, und sprach: Hinweg, es dämmert schon!

35
Thut wie ich euch gesagt, und alle Tag' und Stunden
Schaut eure Rosen an; und wenn ihr alle drey
Zu Lilien werden seht, so merket dran, ich sey
Mit Oberon versöhnt und wieder neu verbunden.
Dann eilet mit Amandens Sohn herbey,
Denn mit der meinen ist auch ihre Noth verschwunden.
Die Nymfen neigten sich und flohn
In einem Wölkchen schnell hinweg mit Hüons Sohn.

36
Kaum war der Morgen aufgegangen,
So sucht mit bebendem unruhigem Verlangen
Amanda ihren Freund, der seine Lagerstatt,
Fern von Alfons und ihr, in einem Felsen hat.
So hastig eilt sie fort, daß sie (was nie geschehen
Seitdem sie Mutter war) vor lauter Eil' vergißt,
Nach ihrem Sohn, der noch ihr Schlafgeselle ist,
Und ruhig (glaubt sie) schläft, vorher sich umzusehen.