17
Er setzt sich dort auf eine Bank von Stein,
Um, müd' und schwach von langem Fasten,
Im Schatten da ein wenig auszurasten,
Und eine Sklavin bringt ihm etwas Brot und Wein.
Sie sieht dem Mann im braunen Pilgerkleide
Erstaunt ins Aug', und er der Sklavin ebenfalls,
Und, sich mit einem Schrey des Schreckens und der Freude
Erkennend, fallen sie einander um den Hals.

18
Bist du es, Fatme? ruft an ihrer nassen Wange
Der Pilger freudig aus; ist's möglich?—Ach! schon lange
Ließ Scherasmin die Hoffnung sich vergehn!
Ist's möglich daß wir uns zu Tunis wieder sehn?
Was für ein Wind hat euch in diese Heidenlande
Verweht? Und wo ist Hüon und Amande?
Ach, Scherasmin, schreyt Fatme laut, und bricht
In Thränen aus—Sie sind—Ich Arme!—Frage nicht!

19
Was sagst du? ruft der Alte—Gott verhüte!
Was sind sie? Sprich!—"Ach, Scherasmin, sie sind -!"
Mehr bringt sie nicht heraus! Das stockende Geblüte
Erstickt die Red' in ihrer Brust—Sie sind?—
O Gott! schluchzt Scherasmin, und weinet wie ein Kind
An Fatmens Hals—In ihrer vollen Blüthe!
Das ist zu hart! Allein mir schwante lang' vorher
Nichts gutes! Fatme—ach, die Probe war zu schwer!

20
So bald die gute Frau zum kläglichen Berichte
Nur wieder Athem hat, erzählt sie Stück für Stück,
Von seiner Abreis' an bis auf den Augenblick
Der Schreckensnacht—da, beym auffackelnden Lichte
Der Blitze, Rezia durch alles Volk, das dichte
Auf Hüon drängt, sich stürzt, den Arm in Liebeswuth
Um den Geliebten schlingt und in die wilde Flut
Ihn mit sich reißt,—die traurige Geschichte.

21
Drauf sitzen sie wohl eine Stunde lang
Beysammen, sich recht satt zu klagen und zu weinen,
Und beide sich, aus treuem Liebesdrang,
Zum Preis des schönsten Paares zu vereinen,
Das je die Welt geziert. Nein, ruft sie vielmahls, nie,
Nie werd' ich eine Frau, wie diese, wieder sehen!
Noch ich, ruft Scherasmin in gleicher Melodie,
Je einem Fürstensohn wie Er zur Seite stehen!

22
Zuletzt, nachdem er sich wohl dreymahl sagen lassen
Wie alles sich begab, geht ihm ein schwacher Schein
Von Glauben auf, und läßt ihn Hoffnung fassen,
Sie könnten beide doch vielleicht gerettet seyn.
Je mehr er es bedenkt, je minder geht ihm ein,
Daß Oberon auf ewig sie verlassen.
In allem dem, was er für sie gethan,
War Absicht, wie ihn däucht, und ein geheimer Plan.

23
Bey diesem schwachen Hoffnungsschimmer,
Der wie ein fernes Licht in tiefer Nacht ihm scheint,
Entschließt er sich, von Fatmen nun sich nimmer
Zu trennen, und, mit ihr durch gleichen Schmerz vereint,
Des Schicksals Aufschluß hier in Tunis abzuwarten.
Durch ihren Vorschub tauscht er Pilgerstab und Kleid
Mit einem Sklavenwamms und einem Grabescheid,
Und dient um Tagelohn im königlichen Garten.

24
Indessen Fatme und der wackre Scherasmin
Die Blumenfelder, die sie bauen,
Wie ihrer Lieben Grab, mit Thränen oft bethauen;
Sieht Hüon, seit sein prüfend Schicksal ihn
In jene Einsied'ley voll Anmuth und voll Grauen
Verbannt, nicht ohne Gram den dritten Frühling blühn.
Unmöglich kann er noch sein Heldenherz entwöhnen,
Ins Weltgetümmel sich mit Macht zurück zu sehnen.

25
Der kleine Hüonnet, das schönste Mittelding
Von mütterlichem Reitz und väterlicher Stärke,
Das je am Hals von einer Göttin hing,
Und wahrlich doch zu anderm Tagewerke
Bestimmt, als mit der Axt auf seiner Schulter einst
Ins Holz zu gehn, vermehrt nur seinen Kummer.
Auch dich, o Rezia, in Nächten ohne Schlummer,
Belauscht dein Engel oft, wenn du im Stillen weinst.

26
Tief fühlt ihr beid' in dieser Jugendblüthe,
Daß Abgeschiedenheit euch unnatürlich ist,
Fühlt Kraft zu edlerm Thun in eurer Brust, vermißt
Des Heldensinns, der unbegrenzten Güte
Gleich unbegrenzten Kreis!—Umsonst bemühn sie sich
Die Thräne, die dem abgewandten Aug' entschlich,
Dem alten Vater zu verhehlen;
Ihr Lächeln täuscht ihn nicht, er liest in ihren Seelen.