7
"Halt, sprach sein Geist zu ihm, und eh' wir weiter traben,
Bedenke wohl was du beginnst, mein Sohn!
Zwar sollte das dein weiser Schädel schon
Zu Askalon erwogen haben,
Obgleich der Wind, der dort in Hüons Segel blies,
Dir wenig Zeit zum Überlegen ließ.
Doch, wenn wir ehrlich mit einander sprechen wollen,
Du hättest damahls dich ganz anders sträuben sollen.

8
"Denn, unter uns gesagt, es ist doch offenbar
Kein Menschensinn in dieser Ambassade.
Den Kaiser, der vorhin uns nie gewogen war,
Erbittert sie gewiß im höchsten Grade.
Am Ende wär' es nur ums reiche Kästchen Schade!
Denn, wahrlich, mit der Hand voll Ziegenhaar,
Und mit den Zähnen da, Gott weiß aus welchem Rachen,
Wird deine Excellenz sehr wenig Eindruck machen.

9
"Ja, wenn Herr Hüon selbst, mit stattlichem Geleite
Von Reisigen, Trabanten und so fort,
Und mit der Tochter des Kalifen an der Seite
Herein geschritten wär', und hätte selbst das Wort
Geführt, und mit gehörigen Grimassen,
Wie einem Ritter, Duc und Pair
Geziemt, auf rothem Sammt, von goldnen Quasten schwer,
Die Sachen überreicht—da wollt' ich's gelten lassen!

10
"Da kommt des Aufzugs Pracht, die Fei'rlichkeit, der Glanz
Der Sultanstochter, an der Hand des stolzen Gatten,
Kurz, jeder Umstand kommt dem andern da zu Statten,
Und trägt das Seine bey, die Sache rund und ganz
Zu machen. Karlen bleibt nichts weiter einzuwenden,
Er hat den Glauben in den Augen und in Händen;
Der Ritter hat sein Wort gehalten als ein Mann,
Und fordert frey was ihm kein Recht versagen kann.

11
"Das alles geht auf einmahl in die Brüche,
Freund Scherasmin, wenn du nicht klüger bist
Als der dich abgeschickt. Wohlan, was Raths? was ist
Zu thun?—Das beste wär', auf allen Fall, er schliche
Mit seinem Kästchen sich ganz sachte wieder ab
Eh' jemand ihn bemerkt, und ritt' im großen Trab
Geraden Wegs nach Rom, dem Freyport aller Frommen,
Wo hoffentlich sein Herr inzwischen angekommen."

12
So sprach zu Scherasmin sein beßrer Genius:
Und da er ihm nach langem Überlegen
Nichts klügers, wie ihn dünkt, entgegen
Zu setzen hatte, war sein endlicher Entschluß,
Der guten Stadt Paris das Schulterblatt zu weisen,
Und sporenstreichs nach Rom zu seinem Herrn zu reisen.
Er übersteigt die Alpen, langet an,
Und gleich sein erster Gang ist—nach dem Lateran.

13
Allein, umsonst ermüdet er mit Fragen
Nach seinem Herrn den Schweizer, der die Wach'
Am Thore hat, umsonst das ganze Vorgemach,
Kein Mensch kann ihm ein Wort von Ritter Hüon sagen.
Vergebens rennet er die Stadt von Haus zu Haus
Und alle Kirchen und Spitäler fragend aus,
Und schildert ihn vom Fersen bis zur Scheitel
Den Leuten vor,—all' seine Müh ist eitel.

14
Vier ewige Wochen lang, und dann noch zwey dazu,
Verweilt er sich in stets betrognem Hoffen,
Läßt keinen Tag sich selbst noch andern Ruh
Mit Forschen, ob sein Prinz denn noch nicht eingetroffen;
Und, da kein Warten hilft, beginnt er überlaut
Den großen Schwur des Baskenvolks zu fluchen,
Und schwört, so weit der Himmel blaut,
In einem Pilgerkleid den Ritter aufzusuchen.

15
Was konnt' er anders thun? Sein Geld war aufgezehrt,
Und eine Perle nur vom Kästchen anzugreifen,
(Das billig hundertfachen Werth
In Hüons Augen hat, weil's Oberon ihm verehrt)
Eh ließ er sich den Balg vom Leibe streifen!
Von einem Pilgersmann wird weder Gold begehrt
Noch Silbergeld; er kann mit Muschelschalen
Und Litaney'n die halbe Welt bezahlen.

16
So bettelt nun zwey Jahre lang und mehr
Der treue unverdroßne Alte
Sich durch die Welt, die Länge und die Quer',
Und macht an jedem Port, auf jeder Insel Halte,
Fragt überall vergebens seinem Herrn
Und seiner Dame nach—bis ihn zuletzt sein Stern,
Und ein geheimer Trieb, der seine Hoffnung schüret,
Nach Tunis vor die Thür des alten Gärtners führet.