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Sie hört den stillen Ruf—wie leise hört
Ein Mutterherz!—und folgt ihm unbelehrt.
Mit einer Lust, die, wenn sie neiden könnten,
Die Engel, die auf sie herunter sahn,
Die Engel selbst beneidenswürdig nennten,
Legt sie an ihre Brust den holden Säugling an.
Sie leitet den Instinkt, und läßt nun an den Freuden
Des zartsten Mitgefühls ihr Herz vollauf sich weiden.

79
Indessen hat im ganzen Hain umher
Ihr Hüon sie gesucht, zwey ängstlich lange Stunden,
Und, da er nirgends sie gefunden,
Führt ihn zuletzt sein irrer Fuß hierher.
Er nähert sich der unzugangbar'n Grotte;
Nichts hält ihn auf, er kommt—o welch ein Augenblick!
Und sieht das holde Weib, mit einem Liebesgotte
An ihrer Brust, vertieft, verschlungen in ihr Glück.

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Ihr, denen die Natur, beym Eingang in dieß Leben,
Den überschwenglichen Ersatz
Für alles andre Glück, den unverlierbar'n Schatz,
Den alles Gold der Aureng-Zeben
Nicht kaufen kann, das beste in der Welt
Was sie zu geben hat, und was ins beßre Leben
Euch folgt, ein fühlend Herz und reinen Sinn gegeben,
Blickt hin und schaut—Der heil'ge Vorhang fällt!

Neunter Gesang.

1
Es ist nun Zeit, uns auch nach Fatmen umzuschauen,
Die wir, seit Rezia mit Hüon sich ins Meer
Gestürzt, im Schiff, allein und alles Trostes leer
Gelassen, Tag und Nacht das Schicksal ihrer Frauen
Beweinend, und ihr eignes freylich auch.
Denn ach! sie weint, sie schreyt, sie rauft ihr Haar vergebens;
Er ist verweht, mit einem einzigen Hauch
Verweht, der ganze Bau der Ruhe ihres Lebens.

2
Was soll nun aus ihr werden, so allein
In einem Schiff, von zügellosen Söhnen
Des rauhen Meers umringt, die ihren Jammer höhnen,
Mit frechen Augen schon, berauscht in feurigem Wein,
Verschlingen ihren Raub—was wird ihr Schicksal seyn?
Zum Glück erbarmet sich der schutzberaubten Schönen
Ein unverhoffter Sturm, der in der zweyten Nacht
Die See zum Tummelplatz empörter Wogen macht.

3
Die Pinke treibt, indeß ein allgemeines Zagen
Das Volk entnervt, auf ungewissem Meer
Herum gejagt, bald west—bald südwärts hin und her;
Bis, da der Winde Wuth in sieben schrecklichen Tagen
Erschöpft ist, an den Strand von Tunis sich verschlagen
Der Hauptmann sieht. Den Zufall, der ihn sehr
Zur Unzeit überrascht, in Vortheil zu verwandeln,
Beschließt er Fatmen hier als Sklavin zu verhandeln.

4
Denn Fatme, die kaum vier und dreyßigmahl
Den May sein Blumenkleid entfalten
Gesehn, war eine aus der Zahl
Der lange blühenden Gestalten,
Die nicht so leicht verwittern noch veralten,
Und die mit Reitzen von Gewicht,
Viel Feu'r im Blick, viel Grübchen im Gesicht,
Euch für den Rosenglanz der Jugend schadlos halten.

5
Des Königs Gärtner kam durch Zufall auf den Platz,
Wo alles das um hundert Sultaninen
Zu kaufen war. Es schien Bemerkung zu verdienen.
Er trat hinzu, besah's und fand es sey ein Schatz.
Sein grauer Kopf ward nicht zu Rath gezogen.
Es fehlte, dünkt ihn, nichts in seinem Gulistan
Als eben dieß. Das Gold wird hurtig vorgewogen,
Und Fatme duldet still was sie nicht ändern kann.

6
Indeß verfolgt mit stets gewognem Winde
Der treue Scherasmin den anbefohlnen Lauf.
Kaum nahm Massiliens Port ihn wohlbehalten auf,
So setzt er sich zu Pferd, und eilt so schnell, als stünde
Sein Leben drauf, zum Kaiser nach Paris.
Er hatte schon den Märt'rerberg erstiegen
Und sah im Morgenroth die Stadt noch schlummernd liegen,
Als plötzlich sich sein Kopf an einen Zweifel stieß.