3
Amanda hatte ihn, im Ringen mit den Söhnen
Des Raubes, unvermerkt vom Finger abgestreift.
Die Elfenkönigin, indem sie ihn ergreift,
Erkennt den Talisman, dem alle Geister fröhnen.
Bald, ruft sie freudig, ist das Maß des Schicksals voll!
Bald werden wieder dich die Sterne mir versöhnen,
Geliebter! Dieser Ring verband uns einst; er soll
Zum zweyten Mahl zu meinem Herrn dich krönen!
4
Inzwischen hatte man im Schiff, mit großer Müh,
Amanden, die in Ohnmacht lag, ins Leben
Zurück gerufen. Kaum begonnte sie
Die schweren Augen trostlos zu erheben;
So fiel vor ihr der Hauptmann auf die Knie,
Und bat sie, sich dem Gram nicht länger zu ergeben:
Dein Glück ist's, sprach er, bloß, wovon ich Werkzeug bin;
In wenig Tagen bist du unsre Königin.
5
Besorge nichts von uns, wir sind nur dich zu schützen
Und dir zu dienen da: dich, Schönste, zu besitzen
Ist nur Almansor werth, der dir an Reitzen gleicht.
Er wird beym ersten Blick in deinen Fesseln liegen;
Und, glaube meinem Wort, du wirst ihn mit Vergnügen
Zu deinen Füßen sehn. Der Hauptmann spricht's, und reicht
(Um allen Argwohn, den sie hegen mag, zu stillen)
Ein reiches Tuch ihr dar, sich ganz darein zu hüllen.
6
Der ist des Todes, (fährt er fort,
Mit einem Blick und Ton, der alles Volk am Bord
Erzittern macht) der je des Frevels sich verwäget
Und seine Hand an diesen Schleier leget!
Betrachtet sie von diesem Augenblick
Als ein Juwel, das schon Almansorn angehöret.
Er sagt's, und zieht, damit sie ungestöret
Der Ruhe pflegen kann, kniebeugend sich zurück.
7
Amanda, ohne auf des Räubers Wort zu hören,
Bewegungslos, betäubt von ihrem Unglück, sitzt,
Die Hände vor der Stirn, die Arme aufgestützt
Auf ihre Knie', mit starren, thränenleeren,
Erloschnen Augen da. Ihr Jammer ist zu groß
Ihn auszusprechen, ihn zu tragen
Ihr starkes Herz zu zart. Ach! diesen letzten Stoß
Erträgt sie nicht! Sie sinkt, doch sinkt sie ohne Klagen.
8
Sie schaut nach Trost sich um, und findet keinen; leer
Und hoffnungslos, und Nacht, wie ihre Seele,
Ist alles, alles um sie her;
Die ganze Welt verkehrt in eine Mörderhöhle!
Sie starrt zum Himmel auf—auch Der
Hat keinen Trost, hat keinen Engel mehr!
Am Abgrund der Verzweiflung, wo sie schwebet,
Steht noch der Tod allein, der sie im Sinken hebet.
9
Mitleidig reicht er ihr die abgezehrte Hand,
Der letzte, treuste Freund der Leidenden! Sie steiget
Hinab mit ihm ins stille Schattenland,
Wo aller Schmerz, wo aller Jammer schweiget;
Wo keine Kette mehr die freye Seele reibt,
Die Scenen dieser Welt wie Kinderträume schwinden,
Und nichts aus ihr als unser Herz uns bleibt:
Da wird sie alles, was sie liebte, wiederfinden!
10
Wie ein verblutend Lamm, still duldend, liegt sie da,
Und seufzt dem letzten Augenblick entgegen:
Als, in der stillen Nacht, sich ihr Titania
Trost bringend naht. Ein unsichtbarer Regen
Von Schlummerdüften stärkt der schönen Dulderin
Matt schlagend Herz, und schläft den äußern Sinn
Unmerklich ein. Da zeigt sich ihr im Traumgesichte
Die Elfenkönigin in ihrem Rosenlichte.
11
Auf! spricht sie, fasse Muth! Dein Sohn und dein Gemahl
Sie athmen noch, sind nicht für dich verloren.
Erkenne mich! Wenn du zum dritten Mahl
Mich wieder siehst, dann ist, was Oberon geschworen,
Erfüllt durch eure Treu'. Ihr endet unsre Pein,
Und wie Wir glücklich sind, so werdet Ihr es seyn.
Mit diesem Wort zerfließt die Göttin in die Lüfte,
Doch wehen, wo sie stand, noch ihre Rosendüfte.
12
Amand' erwacht, erkennt an ihrem Duft
Und Rosenglanz, die nur allmählich schwanden,
Die göttergleiche Frau, die in der Felsengruft,
Gleich unverhofft, ihr ehmahls beigestanden.
Gerührt, beschämt von diesem neuen Schutz,
Ergreift ihr Herz mit dankbarlichem Beben
Dieß Pfand von ihres Sohns und ihres Hüons Leben,
Und beut mit ihm nun jedem Schicksal Trutz.